Leïlet.

Novelle von M. Gisela.
[Karl May]
 

Feierstunden am häuslichen Heerde

   

Karl Mays Frühwerk Leïlet erschien im 1. Jahrgang des Unterhaltungsblattes ›Feierstunden am häuslichen Heerde‹ in den Nummern 1 bis 5 (September 1876). Es handelt sich hierbei um seine erste orientalische Erzählung, die ihm bereits so gut gelang, dass er sie unter verschiedenen Titeln mehrmals erneut veröffentlichte. Am 12. Juli 1877 schrieb Peter Rosegger an seinen Freund Robert Hamerling: »Vor kurzem erhielt ich von einem Herrn Karl May, Redakteur in Dresden, eine Erzählung: ›Die Rose von Kahira, ein Abenteuer aus Egypten‹. Diese Geschichte ist so geistvoll und spannend geschrieben, daß ich mir einerseits gratuliere, andererseits Zweifel habe, ob das Manuskript wohl auch Original ist. Hätten Sie, Herr Professor, vielleicht zufällig den Namen Karl May schon gehört oder wüßten, welches Blatt er redigiert? Seiner ganzen Schreibweise nach halte ich ihn für einen vielerfahrenen Mann, der lange Zeit im Orient gelebt haben muß. Ich gedenke, die ›Rose von Kahira‹ mit dem Oktoberheft [›Heimgarten‹] zu beginnen – sie dürfte 4 Hefte lang laufen«.

Zur Entstehungsgeschichte: Ende Dezember 1875 war im ›Deutschen Familienblatt‹ eine Fortsetzung des Romans ›Fürst und Junker‹ von Friedrich Axmann erschienen, die an Wilhelm Hauffs orientalisches Märchen ›Die Errettung Fatmes‹ (1826) erinnert. Ein vermeintlicher Arzt will eine entführte Schönheit befreien:

»Die Magd eilte spornstreichs zum Ritter Dietrich, ihm den besorgnißerregenden Zustand der Gefangenen zu melden.
     […]
Der Arzt trat zu dem Lager hin, betrachtete Luitgarde, die ihn erwartungsvoll anblickte, einige Augenblicke hindurch aufmerksam und fragte dann:
     ›Nun, mein holdes Jüngferchen, wo fehlt’s denn?‹
     Luitgarde bemühte sich, einen klagenden Ton zu heucheln.
     ›Ich habe große Schmerzen im Innern.‹« (S. 277)

Vermutlich war diese Episode dafür ausschlaggebend, dass sich der Redakteur Karl May an das entsprechende Märchen von Hauff erinnerte, denn im Folgejahr verfasste er Leïlet mit demselben Grundthema: Die kranke Jungfrau wird von einem Arzt befreit. Weitere literarische Quellen sind Alfred Brehms ›Reise-Skizzen aus Nord-Ost-Afrika‹ (1853) und ›Eine Rose des Morgenlandes‹ (1858).

Leïlet erschien unter dem Pseudonym ›M. Gisela‹, das Karl May nach heutigem Kenntnisstand nur einmal verwendete. Für die Hausschatz-Erzählung Die Tschikarma (in der Buchausgabe Durch die Wüste enthalten) gestaltete er 1881 seine frühe Novelle um – aus Leïlet wurde Güzela (die Schöne). In Mays Erzählungen sind gelegentlich die Buchstaben ›i‹ und ›ü‹ miteinander vertauscht; statt ›Hilfe‹ steht ›Hülfe‹. Wenn man demzufolge ›Güzela‹ durch ›Gizela‹ ersetzt, erscheint der Name ›Gisela‹. Ob es 1876 eine schöne Gisela gab, wissen wir nicht. In Mays Kolportageroman Der Weg zum Glück (1886–88) gibt es allerdings eine Gisela Kery, die von ihrem Vater ihre kräftige Gestalt und von ihrer Mutter die Schönheit geerbt hat.

Unsere Leïlet-Veröffentlichung folgt zeichengetreu dem Erstdruck von 1876. Da Karl May im Verlag von Heinrich Gotthold Münchmeyer in Dresden sein eigener Redakteur war, sind redaktionelle Eingriffe von fremder Hand auszuschließen.

Ralf Harder

  

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Teil 4

Teil 5




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