| Heft 3 |
Feierstunden am häuslichen Heerde. |
16. September 1876 |
Leïlet.
Novelle von M. Gisela.
[Karl May]
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werden, und mein erster Schuß wird Chalihd Ben Mustapha
wegnehmen.«
»Allah behüte uns, Effendi! Warum soll der Sohn Mustapha’s büßen die Sünde
Deines Feindes?«
»Weil er ihm sein Schiff leiht, mich zu verfolgen.«
»Ich werde nicht erlauben, daß hier auf meinem Fahrzeuge sich der Geruch
des Pulvers erhebt!«
»Rabbena chalïek, der Herr erhalte Dich! Denn wenn Deine Seele nur eine
Sylbe denkt, was mir nicht gefällt, so wird die erste Kugel nicht Deinen
Freund, sondern Dich selbst treffen. Jetzt weißt Du meine Worte. Allah
lenke Deine Gedanken!«
Hassan hatte Alles gehört und sprach, als ich mich entfernt hatte, mit
dringlichen Geberden zu dem Reïs. Ich konnte jetzt nichts weiter thun und
mußte das Kommende geduldig abwarten.
Die Ermahnungen meines alten Beschützers schienen doch nicht ohne Erfolg
zu sein, denn es dauerte nicht lange, wurde noch eine Trikehia, ein
kleineres Segel, beigesetzt, um die Schnelligkeit des Schiffes zu
vergrößern. Doch merkte ich gar bald, daß die Entscheidung dadurch
höchstens verzögert, nicht aber aufgehoben werde.
Natürlich war ich fest entschlossen, Alles, selbst das Aeußerste zu wagen.
Unter Umständen hätte ein Geldgeschenk große Wirkung gehabt, aber ich
kannte diese Art Leute gut genug und wußte, daß die Peitsche Omars und
meine Büchse mir größeren Respect verschaffen würden, als sonst ein
anderes Mittel.
Diese Meinung wurde auch sofort bestätigt; denn einer der jungen Schiffer
bestieg das kleine Boot und blieb zurück. Wenn ich diesen Vorgang auch
nicht zu beachten schien, so wußte ich doch, daß er den Befehl erhalten
hatte, Chalihd Ben Mustapha vor meiner Kugel zu warnen. Der Orientale
weiß, daß der Europäer bessere Waffen besitzt und ein sichererer Schütze
ist, als er, und hegt deshalb eine ganz besondere Abneigung, sich der
Mündung einer fränkischen Büchse gegenüberzustellen.
Die Zeit verging, der Sandal kam immer näher und hatte uns endlich so weit
eingeholt, daß der zurückgelassene Bote wieder zu uns stoßen konnte. Seine
Botschaft war nicht unberücksichtigt geblieben, denn obgleich das eine
Segel eingenommen wurde, um gleichen Schritt mit uns zu halten, steuerte
man doch nicht auf uns zu, sondern hielt sich immer in vorsichtiger
Entfernung, und als ich mit meinem Rohre jetzt einen ziemlich entfernten
Würgfalken, welcher fischend über das Wasser zog, herunterholte, war ich
fest überzeugt, die guten Leute in eine heilsame Angst versetzt zu haben.
Abrahim-Arha war mit dieser außerordentlichen Vorsicht natürlich nicht
zufrieden. Ich sah ihn unter den drohendsten Gesten drüben herumrennen und
sich endlich mit Gewalt des Steuers bemächtigen. Der Sandal drehte sich
herum und hielt auf uns zu.
Ich schritt, die Büchse in der Hand, auf den Reïs zu.
»Siehst Du Deinen Freund Chalihd Ben Mustapha, den Kapitän, vorn am Buge
sitzen?«
»Ich sehe ihn, Effendi!«
»Ich werde zu ihm sprechen, um ihn zu warnen.«
»Allah erleuchte Dich, Effendina! Willst Du ihm das Leben rauben?«
»Nein, jetzt nur die Reiherfeder, welche auf seinem Tarbusch weht!«
Ich hob’ die Büchse; der Schuß krachte, und die Feder war verschwunden.
Selbst das entsetzlichste Unglück hätte den würdigen Ben Mustapha nicht so
in Aufregung versetzen können, wie dieser Warnungsschuß. Er fuhr in die
Luft, als beständen seine hagern Glieder aus dem besten Gummi elasticum,
stürzte sich, den bedrohten Kopf mit beiden Händen haltend, unter hellem
Zeder auf Abrahim zu und drängte ihn mit von der Angst verdoppelten
Kräften vom Steuer hinweg. Der Sandal machte eine Wendung und hielt wieder
von uns ab.
Diese Gefahr schien überstanden, aber zwei größere standen uns noch bevor.
Schon seit einiger Zeit hatten wir bemerkt, daß die Wogen mit größerer
Gewalt und Schnelligkeit vorwärts strebten und die jetzt felsig gewordenen
Ufer einander immer näher traten. Wir näherten uns einer jener
Stromschnellen, welche, mehr oder weniger gefahrdrohend für den Schiffer,
dem Verkehre auf dem Nile fast unübersteigliche Hindernisse
entgegenstellen. Die Feindschaft der Menschen mußte jetzt schweigen, damit
sich die ungetheilte Aufmerksamkeit Aller auf das Element richten konnte.
Die andere Gefahr drohte mir in einer etwaigen Untersuchung meiner
Angelegenheit vor dem Richter, der ich nach der jetzigen Lage der Dinge
wohl kaum entgehen konnte. Selbst wenn wir die Schnelle glücklich
überstanden, waren wir früher oder später gezwungen, anzulegen, und dann
brachte Abrahim den Raub jedenfalls sofort zur Anzeige.
Da ertönte die Stimme des Reïs über das Deck:
»Blickt auf, Ihr Männer, der Schellahl, der Katarakt kommt! Tretet
zusammen und betet die Fathcha!«
Die Leute folgten der Weisung und beteten im Chore die erste Sure des
Korans:
»Behüte uns, o Herr, vor dem von Dir gesteinigten Teufel!«
»Im Namen des Allbarmherzigen!« intonirte der Reïs und die Andern fielen
ein:
»Lob und Preis dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrscht am Tage
des Gerichtes. Dir wollen wir dienen, zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du
uns führest den rechten Weg, den Weg Derer, die Deiner Gnade sich freuen,
und nicht den Weg Derer, über welche Du zürnst, und nicht den Weg der
Irrenden. Amen!«
Die Worte und Werke der Religion sind dem Muhamedaner keine Formeln,
sondern sie sind ihm tief empfundene Wahrheit. Die kurzen Worte ergriffen
auch mich mächtig. Nicht Furcht vor der Gefahr war es, was sich meiner
bemächtigte, sondern Ehrfurcht vor der im tiefen Herzen eingewurzelten
Religiösität dieser halbwilden Menschen, welche Nichts thun und beginnen,
ohne sich Dessen zu erinnern, der in dem Schwachen mächtig ist.
»Wohlan, Ihr jungen Männer, Ihr muthigen Helden, geht an Eure Plätze,«
gebot nun der Führer,»denn der Strom hat uns jetzt ergriffen!«
Das Commando eines Nilschiffes läuft nicht so ruhig ab, wie die Führung
eines Fahrzeuges auf abendländischem Gewässer. Das heiße Blut des Südens
rollt durch die Adern und treibt den Menschen von dem Extrem der
ausschweifendsten Hoffnung herab auf dasjenige der tiefsten Verzweiflung.
Alles schreit, ruft, brüllt, heult, betet oder flucht im Augenblicke der
Gefahr, um im nächsten Momente noch lauter zu jubeln, zu singen und zu
jauchzen. Dabei arbeitet ein Jeder mit Anspannung aller Kräfte,
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und der Schiffsführer springt von Einem zum Andern, um Jeden
anzufeuern, tadelt die Säumigen in Ausdrücken, wie sie nur ein Araber sich
auszudenken vermag, und belohnt die Andern mit den süßesten und
zärtlichsten Namen, unter denen das Wort »Held« sich am meisten
wiederholt.
Wir hatten uns schon heut Morgen auf das Passiren der Schnelle vorbereitet
und Reservemannschaft eingenommen. Jedes Ruder war doppelt besetzt, und am
Steuer standen drei Barkenführer, welche jeden Fußbreit des Stromes hier
kannten.
Mit furchtbarer Gewalt rauschten die Wogen jetzt über die kaum vom Wasser
bedeckten Felsenblöcke; die Wellen stürzten schäumend über das Deck und
der Donner des Kataraktes übertäubte jedes Kommandowort. Das Schiff
stöhnte und krachte in allen Fugen; die Ruder versagten ihre Dienst, und,
dem Steuer vollständig ungehorsam, tobte die Dahabïe durch den kochenden
Gischt.
Da treten die schwarzen, glänzenden Felsen vor uns eng zusammen und lassen
nur noch ein Thor offen, welches kaum die Breite unseres Schiffes hat. Die
Wogen werden durch dasselbe förmlich hindurchgepreßt und stürzen sich in
einem dicken mächtigen Strahle nach unten in ein Becken, welches übersäet
ist von haarscharfen und nadelspitzen Steinblöcken. Mit sausender Hast
schießen wir dem Thore zu. Die Ruder werden eingezogen. Jetzt sind wir in
dem furchtbaren Loche, dessen Wände uns zu beiden Seiten so nahe sind, daß
wir sie mit den Händen erreichen können. Als wolle es uns hinaustreiben in
die Luft, so schleudert uns die rasende Gewalt der Strömung über die
sprühenden Kämme des Falles hinaus; wir stürzen hinab in den Schlund des
Kessels; es brodelt, spritzt, rauscht, tobt, donnert und brüllt um uns
her, als wären die Geister von tausend Höllen losgelassen – da packt es
uns wieder mit unwiderstehlicher Macht und reißt uns eine schiefabfallende
Ebene hinab, deren Wasserfläche glatt und freundlich vor uns liegt, aber
gerade unter dieser Glätte die gefährlichste Tücke birgt, denn wir
schwimmen nicht, nein, wir fallen, wir stürzen mit rapider Vehemenz die
abschüssige Bahn hinab, und -
»Allah kerihm, Gott ist gnädig!« tönt jetzt die schrille Stimme Hassans.
»An die Ruder, an die Ruder Ihr Männer, Ihr Helden! Seht Ihr den Tod denn
nicht vor Euch? Amahl, amahl, ja Allah amahl, macht, macht, bei Gott,
macht, Ihr Hunde, Ihr Feiglinge, Ihr Söhne, arbeitet, arbeitet, Ihr
Männer, Ihr Tapfern, Ihr Helden!«
Wir schießen einer Scheere zu, welche sich gerade vor uns öffnet und uns
im nächsten Augenblicke vernichten muß. Die Felsen sind so scharf und der
Fall des Stromes so reißend, daß von dem Schiffe kein handgroß Holzes
beisammen bleiben kann.
»Allah ja sahtir, o Du Bewahrer, hilf! Links, links, Ihr Hunde, Ihr Söhne
von Hunden, Ihr Enkel von Hundesöhnen, links, links mit dem Steuer, Ihr
Braven, Ihr Herrlichen, Ihr Unvergleichlichen! Allah, Allah! Maschallah,
Gott sei Dank!«
Das Schiff hat den fast übermenschlichen Anstrengungen gehorcht und ist
vorübergeflogen. Auf einige Augenblicke befinden wir uns im ruhigen
Fahrwasser und Alles stürzt auf die Kniee, um dem Allmächtigen zu danken.
»Eschhetu inn la il laha il Allah!« tönt es jubelnd über das Deck.
»Bezeuget, daß es nur einen Gott giebt! Sellem aaleïna be baraktuk,
begnadige uns mit Deinem Segen!«
Da kommt es hinter uns hergeschossen, wie von der Sehne eines Bogens
geschnellt. Es ist der Sandal, welcher dieselben Gefahren hinter sich hat,
wie wir. Seine Schnelligkeit ist jetzt wieder größer als die unsrige, und
er muß an uns vorüber. Aber das offene Fahrwasser ist so schmal, daß wir
nur mit Mühe auszuweichen vermögen, und fast Bord an Bord rauscht er
vorbei. Am Maste lehnt Abrahim-Arha, die Rechte hinter sich versteckend.
Mir gerade gegenüber reißt er die verborgen gehaltene, lange arabische
Flinte an die Wange – ich werfe mich nieder – die Kugel pfeift über mich
hinweg – und in der nächsten Sekunde ist der Sandal uns weit voran.
Alle haben den Meuchelversuch gesehen, aber Niemand hat Zeit zur
Verwunderung oder zum Zorne, denn wieder packt uns die Strömung und treibt
uns in ein Labyrinth von Klippen. Eben will ich einmal nach der Kajüte, um
mich von dem Befinden Leïlets zu überzeugen, als mich ein lauter Schrei
zurückblicken heißt.
Der Sandal ist an einen der Felsen gerannt und von der Gewalt des Stoßes
ein Mensch über Bord geworfen worden. Die Schiffer schlagen die Ruder in
die Fluth und das nur leicht beschädigte Fahrzeug schießt, von den Wogen
erfaßt, wieder frei davon. Aber der Herabgestürzte hängt im Wasser, sich
verzweiflungsvoll an die Klippe klammernd. Ich ergreife einen der
vorhandenen Dattelbaststricke, eile an das Seitenbord und werfe ihn dem
Bedrohten zu – er faßt darnach, ergreift ihn und wird emporgezogen – - es
war Abrahim-Arha.
Glücklich auf dem Decke angekommen, schüttelte er das Wasser aus dem
Gewand und stürzte dann mit geballten Fäusten auf mich zu. Aber, wie sich
besinnend, hielt er mitten in dieser Bewegung inne, drehte sich ab und
eilte nach der Kajüte. Aber ehe er den Eingang noch erreicht hatte, stand
ich schon vor demselben.
Die Stromschnelle war in ihren gefährlichsten Stellen glücklich
durchschifft, und wir konnten uns nun mit der nöthigen Muße unserer
Privatangelegenheit zuwenden. Aber wie es schien, sollte mir das Handeln
jetzt noch erspart bleiben, denn Omar war herbeigesprungen, riß den Gegner
beim Genicke zurück und hielt ihm die gespannte Pistole entgegen.
»Abrahim-Arha, vergissest Du, daß ich der Diener meines Gebieters bin und
den Zugang zu seinem Harem zu behüten habe?«
»Hinweg mit Euch, Ihr Räuber! Allah möge –«
»Abrahim-Arha, schweige, sonst ist Deine Seele im nächsten Augenblicke da,
wo die Bürger der Hölle wohnen. Beim Barte des Propheten, ich scherze
nicht!«
Mein guter Omar fühlte sich in seinem Amte gekränkt, und wenn dies der
Fall war, so gab es keinen energischeren Kopf als ihn. Abrahim mochte das
erkennen und trat zurück. Er stand hier allein Zweien gegenüber und war
klug genug, den Kampf einstweilen aufzugeben. Aber in jedem seiner Züge
war der unumstößliche Entschluß zu lesen, ihn bei der nächsten Gelegenheit
mit doppelter Kraft wieder zu beginnen. Ohne ein weiteres Wort zu
verlieren, wandte er sich ab und nahm auf einem der Sennesblätterpackete
Platz, welche, da der Raum die ganze Ladung nicht
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gefaßt hatte, auf die Planken des Verdeckes befestigt worden
waren.
Am nächsten Landeplatze mußten die oberhalb der Stromschnelle
eingenommenen Schiffer wieder an das Land gesetzt werden. Unsere Dahabïe
wandte sich deshalb dem Ufer zu. Doch gebot ich dem Reïs, keine Zeit zu
verlieren und sofort wieder abzustoßen. Obgleich er seinen Leuten gern die
nach der gehabten Anstrengung so nothwendige Ruhe gegönnt hätte, war er
doch bereit, auf meinem Wunsch einzugehen, wurde aber leider davon
abgehalten; denn als wir uns dem Ufer näherten, kam uns ein Boot
entgegengerudert, welches von finsterblickenden Männern besetzt war, die
sofort zu uns an Bord stiegen. Es waren Khawassen – Polizisten.
Die Bemannung des Sandal, welcher hier gelandet war, um die erlittene
Beschädigung auszubessern, hatte von dem Frauenraube erzählt, und so
durfte ich mich über den unliebsamen Besuch nicht wundern. Zudem war der
fürtreffliche Chalid Ben Mustapha eilenden Fußes zum Richter gesprungen
und hatte eine so wohlgesetzte Rede gehalten von dem ungläubigen Mörder,
Räuber, Aufrührer und Empörer, daß ich sehr zufrieden sein mußte, mit dem
Köpfen oder Säcken davonzukommen.
Da die Gerechtigkeit in jenen Ländern von der wichtigen Institution der
Actenstöße noch keine Ahnung hat und deshalb sehr schnell und summarisch
verfährt, so wurden wir sammt und sonders in Beschlag genommen und sofort
»anhero transportirt.« Selbst Leïlet, tief verschleiert, wurde in eine
Sänfte genöthigt und mußte unserem Zuge folgen, der bei jedem weiteren
Schritte größer wurde, weil Jung und Alt, Groß und klein sich ihm
anschloß. Doch noch im Vorübergehen rief sie mir einige Worte in
italienischer Sprache zu, welche alle meine Befürchtungen sofort
verscheuchten:
»Ich bin eine Christin und von ihm gewaltsam entführt worden!«
Welcher Grund sie bisher auch veranlaßt haben mochte, zu schweigen, jetzt
erkannte sie, daß diese Mittheilung nothwendig und von größtem Vortheile
für mich sein müsse. Aber wie kam sie zu dem Italienisch – wer und woher
war sie?
Der Sahbeth-Bei oder Polizeidirektor saß mit seinem Sekretair schon
unserer Ankunft gewärtig.
Er trug die Abzeichen eines Majors, sah aber weder sehr kriegerisch noch
überhaupt übermäßig intelligent aus. Wie die Bemannung des Sandal schien
auch er den verunglückten Abrahim-Arha für ertrunken gehalten zu haben und
behandelte jetzt den vom Tode Auferstandenen mit einem Respekte, aus
welchem ich auf die Furcht schließen konnte, in welche sich der frühere
Hedjahn-Bei zu setzen gewußt hatte.
Nachdem er diesem eine Pfeife angeboten, welche natürlich auch angenommen
wurde, begann die Verhandlung mit dem Berichte, welchen Abrahim über das
Geschehene machte. Ich hatte mich auf den Divan niedergelassen, von
welchem ich mich trotz der Aufforderung des Sahbeth-Bei auch nicht wieder
erhob.
Nach beendigtem Vortrage des Anklägers wandte sich der Mann der Polizei zu
mir:
»Was hast Du zu den Worten des Arha, den Allah beschützen möge, zu sagen,
Franke?«
»Nichts.«
»Du giebst also die Wahrheit Dessen, was ich gehört habe, zu?«
»Ja.«
»Gut. Du bist schuldig und wirst nachher Deine Strafe vernehmen!«
Sich zu Omar wendend, fuhr er in seinem zornigsten Tone fort:
»Weißt Du, was Dich erwartet, Hund von einem Sclaven? Denke nicht, daß Du
unter dem Schutze dieses Ungläubigen stehest, welcher sich auf seinen
Consul berufen wird! Du bist Unterthan des Großherrn – Allah mehre seine
Herrlichkeit – und hast den Tod verdient. Ich werde Deine verruchte Seele
vorbereiten. Khawassihn, bringt die Peitsche!«
Die verhängnißvolle Kette mit den Lederriemen zur Bastonade wurde
herbeigeholt, und die Diener der Gerechtigkeit näherten sich meinem braven
Haushofmeister, um die stets gern gesehene Execution an ihm zu vollziehen.
Mit angstvollen und hülfesuchenden Blicken flehte er zu mir herüber.
»Besch juhs, gebt ihm fünf Hundert!« lautete der Befehl.
Jetzt erhob ich mich.
»Laß die Diener Deiner hohen Gerechtigkeit noch ein Wenig verziehen, o
Bimbaschi, und wirf den Blick Deines erleuchteten Auges auf diese
Schrift!«
Ich winkte Omar und ließ durch ihn den Fermahn überreichen.
»Was soll’s mit diesem Schreiben?«
»Ich fordere, daß Du die ersten Worte desselben laut vorliesest oder durch
Deinen Sahbeth-Effendi vorlesen lässest!«
Er gab das Pergamentpapier seinem Secretair, und dieser las:
»Der Inhaber dieses Buiruldu ist der Kapitän-Effendi N.N. aus N., der auf
Befehl seines Königs in Egypten, Nubien und Habesch reist –«
»Halt, jetzt weißt Du, wer ich bin, und nun befiehl Deinem Diener, die
letzten Zeilen zu lesen!«
Es geschah.
»Es ist ihm alle Ehre zu erweisen; man soll ihm Schutz und Hülfe geben und
seine Wünsche so erfüllen, daß er bei seiner Rückkehr uns nur Gutes von
unserem Lande erzählen kann!«
Das Gesicht des ehrwürdigen Bei wurde bei diesen Worten um Einiges länger,
als es vorher gewesen war. Noch größer aber wurde seine Unruhe, als ich
fortfuhr:
»Willst Du mir wohl sagen, o Bimbaschi, welche Ehre ein Beamter dem
Fermahn Seiner Majestät zu erweisen hat? Du hast ihn in die Hand genommen
und wieder fortgegeben, wie eine Düte, aus welcher die Datteln gefallen
sind!«
»Ich wußte nicht, daß Du einen Fermahn besitzest.«
»Gut. Ich werde Seiner Unübertrefflichkeit erzählen, daß Du zuweilen Etwas
nicht weißt, was Du doch wissen solltest. Aber noch schlimmer ist es für
Deine Seele, daß Du nicht gelernt hast, den Kläger von dem Angeklagten zu
unterscheiden. Wer hat Dir befohlen, den Verbrecher mit Ehren zu
überhäufen und den Beschädigten zu verurtheilen, ohne ihn zu hören?«
Eine lautlose, tiefe Stille war während meiner Worte unter der vorher
ziemlich unruhigen Versammlung eingetreten. Das Gesicht des Beamten bekam
einen geradezu
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unbeschreiblichen Ausdruck totaler Verblüffung, und
vollständig rathlos wanderte sein kleines, nichtssagendes Auge zwischen
mir und Abrahim-Arha hin und her. Dieser Letztere war von seinem Divan
emporgefahren und rief:
»Kelb, Hund, was wagest Du?«
Ohne diese Beschimpfungen zu beachten, fuhr ich fort:
»Ich bin es, o Bimbaschi, der hier die Klage zu erheben hat. Ich klage
diesen Mann, den Ihr jetzt Abrahim-Arha nennt, um seine früheren Thaten
zuzudecken, des Frauenraubes an. Er hat meine Freundin mit Gewalt
entführt, und sie ist nicht eine Tochter des Islam, sondern eine Christin.
Ich habe sie seinen Händen wieder entrissen, wie es mir die Pflicht und
die Gerechtigkeit gebot, und Du willst uns bestrafen, Sahbeth-Bei? Allah
schenke Deinem Geiste Licht, damit Du thust, was ihm und Deinem Herrscher
wohlgefällt!«
Es gehörte die ganze in diesem Lande so nothwendige Unverfrohrenheit dazu,
in dieser Weise die Situation geradezu auf die Spitze zu stellen; aber
während sich der Bei unter der Last meiner Worte förmlich zusammenbückte,
brachten sie bei dem von mir Beschuldigten die gerade entgegengesetzte
Wirkung hervor. Er riß, vor Wuth Alles um sich her vergessend, den Dolch
aus dem Gürtel und stürzte mit einem heiseren Brüllen auf mich los. Ich
war ihm sowohl an Körperkraft, als auch an Besonnenheit überlegen,
entwaffnete ihn mit einem raschen Griffe und warf ihn meinem Diener in die
bereitwilligen Arme, die sich sofort wie ein Schraubstock um ihn
schlossen.
»Bimbaschi, bist Du hier Obrigkeit, oder soll ich selbst mich schützen?«
rief ich jetzt, den Revolver ziehend.
Das gab ihm die nöthige Thatkraft zurück, und wie er erst gedankenlos
gegen mich gewesen war, so wandte er sich jetzt ohne Mäßigung gegen den
wuthschnaubenden Hedjahn-Bei.
»Bindet ihm Hände und Füße und schafft ihn in das Gefängniß. Der Fall ist
schwer; ich werde über ihn nachdenken und ein gerechter Richter sein!«
Ende des dritten Teils – Fortsetzung folgt.