| Heft 4 |
Feierstunden am häuslichen Heerde. |
23. September 1876 |
Leïlet.
Novelle von M. Gisela.
[Karl May]
// 55 //
// 56 //
gen falsch deutend, schlang sie, wie von einem
unwiderstehlichen Impulse getrieben, die Arme um meinen Nacken, preßte ihr
Köpfchen fest, fest an meine Brust und schluchzte:
»Leïlet kann nicht dafür!«
Noch ein langer, tiefer, unbeschreiblicher Blick, als müsse sie ihre ganze
Seele in mein Auge senken, und dann floh sie der Kajüte zu.
Ich blieb zurück unter einem Sturme von Empfindungen, der mich die ganze
Nacht nicht ruhen ließ und auch am Morgen sich noch nicht beschwichtigt
hatte. Es lastete ein Geheimniß, ein Druck auf ihrer Seele, der ihres
Herzens Freiheit raubte und die Erfüllung meiner freudigsten Hoffnung
verzögerte. Aber ich beschwichtigte meine Befürchtungen; die nächste
Zukunft schon mußte mir ja die Lösung des Räthsels bringen und mich über
die Verhältnisse meines schweigsamen Schützlings unterrichten. Mochten
aber dieselben sein, wer sie wollten, das stand felsenfest: mein mußte sie
werden, und sollte ich einen einzigen Augenblick des Glückes mit dem Tode
oder mit einem öden und freudeleeren Leben bezahlen! – -
Die wenigen Passagiere, welche die Dahabïe unterwegs aufgenommen hatte,
waren jetzt über das Landungsbret geschritten, und ich wandte mich nun zu
Leïlet, um sie an den Aufbruch zu mahnen. Sie eilte herbei und bat hastig
und flehend:
»Verlaß mich nicht schon jetzt, sondern nimm mich mit Dir!«
Wie klang doch diese Bitte so sonderbar! ich bog mich zu ihr nieder und
flüsterte mit überfließendem Herzen:
»Ich werde Dich nie, nie wieder von mir lassen!«
Da ich wußte, daß mein Bruder die Wohnung geändert hatte und ich seine
gegenwärtige Adresse noch nicht kannte, so nahm ich für mich und Leïlet
eine Barutsche, einen jener meist zweiräderigen und mit Kissen ausgelegten
Wagen, wie sie in Kairo üblich sind, und fuhr, die Sorge für das Gebäck
meinem Omar überlassend, nach dem Hotel d’Orient, um dort einstweilen
Wohnung zu nehmen.
Es war schon zu spät, den Consul aufzusuchen, um die nöthigen
Erkundigungen einzuziehen und etwa eingangene Briefe und Schriftstücke in
Empfang zu nehmen. Deshalb beschloß ich, nicht auszugehen und mich
vielmehr mit dem Ordnen meiner Effekten zu beschäftigen.
Eben hatte ich diese Arbeit beendet, als Leïlet bei mir eintrat. Jeder
ihrer Züge sagte mir, daß irgend ein Entschluß sie beschäftige, und als
sie sich dem Tische näherte, wußte ich, daß sie im Begriffe stehe, die bis
heut’ aufgeschobene Aufklärung auszusprechen. Da fiel ihr Blick auf eine
vor mir liegende Mappe, welche in goldenen Lettern meinen Namenszug trug.
Ein Blitz der Ueberraschung zuckte über ihr erbleichendes Angesicht, und
mit unsicherer, ja zitternder Stimme hauchte sie:
»Ich kam, um Dir den Abendgruß zu bringen. Leïlkum saaïde, gute Nacht!«
»Leïlet,« rief ich emporspringend, »worüber erschrakst Du? Wolltest Du mir
nur diese zwei Worte sagen?«
»O nein, Herr, Du solltest Vieles vernehmen, aber meine Lippe muß sich
schließen, bis sie morgen sprechen darf.«
»Morgen? Warum nicht heut’, nicht jetzt? Hast Du nicht gefühlt, daß mein
Herz sich allezeit gesehnt hat nach dem Worte, welches Du aufgehoben hast
bis jetzt und nun auch weiter noch verschweigen willst?«
»Ich habe das Leid Deiner Seele zu jeder Zeit in Deinem Auge gelesen, aber
die Lippe blieb mir stumm, weil –«
Die Hände vor’s Gesicht legend, lehnte sie tiefathmend den Kopf an meine
Schulter. Ich schlang den Arm leise um ihre weiche, schlanke Gestalt; da
aber wand sie sich los und war, noch ehe ich es verhindern konnte, hinter
der Thüre zu ihrem Gemache verschwunden.
Was war das? Was hatte sie so erschreckt, so erschüttert; konnte es
wirklich die unschuldige, bedeutungslose Mappe sein, welche eine so
plötzliche Zurückhaltung bewirkt hatte? Von tausend unklaren und
ungewissen Gedanken hin und her geworfen, saß ich da und zermarterte mir
den Kopf mit Vermuthungen und Befürchtungen, deren Stichhaltigkeit ich
doch immer wieder bezweifeln mußte. Mein auf der Mappe stehender Name, den
sie bisher allerdings nur in seiner arabischen Verdolmetschung gehört
hatte, konnte doch unmöglich auf die Stimmungen und Entschlüsse eines mir
bis vor kurzer Zeit vollständig fremden Wesens einen so gewaltigen
Eindruck haben, wie ich ihn soeben bemerkt hatte. Es blieb mir Nichts
weiter übrig, als mich in Geduld zu fassen und den morgenden Tag, von dem
sie ja gesprochen hatte, abzuwarten. -
Der Bruder wohnte, wie ich am andern Morgen erfuhr, in Bulakh, wohin ich
mich sofort verfügte, um ihn nach so langer Zeit wiederzusehen und Zeuge
seines Glückes zu sein, von welchem er mir geschrieben hatte.
Ungemeldet trat ich ein. Mit untergeschlagenen Beinen saß er wie ein
echter Padischa mit würdigem Gesichtsausdrucke auf dem Divan und hob das
Auge zu dem Eindringling empor. Meine von der Sonne fast
schwarzgebrannten, von der Gluth der Wüste bis auf die Knochen
ausgetrockneten und mit einem dichten Barte verhüllten Züge schienen ihm
für den ersten Augenblick befremdlich vorzukommen, und schon wollte ich
versuchen, wie lange ein Incognito zu behaupten sei, indem ich mit
orientalischem Ernste grüßte:
»Salem al –« als er, aufspringend und mit ausgebreiteten Armen auf mich
losstürzend, rief:
»Halt’s Maul, Goldjunge, mit Deinem Salem und rede, wie Dir der Schnabel
gewachsen ist! Aber, um’s Himmelswillen, Herzensbruder, wie bist Du von
der Frau Sonne mitgenommen! Wahrhaftig, ich ertappte mich auf dem
wohlthuenden Gedanken, der König der sieben Indien habe einen seiner
schwärzesten Mohren zu mir geschickt, um als abschreckendes Beispiel einer
verbrannten Menschenschwarte Modell zu sitzen. Komm, mache Deine langen
Beine krumm und lasse Dich nieder, damit man in Ruhe Deine alte, liebe,
treue, ehrliche und hausbackene Physiognomie genießen kann. Doch halt,
vorher muß ich Dich küssen, mein Sohn!«
Das war noch ganz der aufgeräumte, lebensfrohe und neckische Cumpan, der
selbst die ernstesten Regungen seines Herzens in ein heiteres Gewand zu
kleiden wußte und deshalb von Fremden oft für oberflächlich gehalten
wurde, wo er doch nur zu stolz war, sein Inneres unberufenen Blicken
preiszugeben. Mit beiden Händen zog er, um die rechte Stelle für den Kuß
zu finden, mir den wirren Bart weit auseinander und lachte:
»Höre, Schatz, laß Dich mit diesem Mimosengestrüpp
// 57 //
nur ja von keiner Dame sehen, sonst kannst Du Dir gar kein
entschiedeneres Fiasco wünschen. Unter drei Monaten darfst Du Dich in
keiner Gesellschaft attrapiren lassen, das steht bombenfest, und ich werde
Dich ganz gehörig in die Wäsche nehmen müssen, um Dich ohne Blamage als
meinen Bruder sehen lassen zu können!«
Es war die herzliche Freude des Wiedersehens, die ihn so sprechen ließ,
und ich wußte ja, wie gut gemeint seine Worte waren, aber dennoch thaten
sie mir wehe, denn er hatte mit ihnen den einzigen wunden Fleck berührt,
den ich jetzt besaß. Wenn das fatale Klima meinen äußern Menschen in der
Weise verschimpfirt hatte, daß selbst der Bruder so wenig Angenehmes
darüber zu bemerken wußte, wie konnte ich da an eine Liebe glauben, wie
ich sie von Leïlet erwartet hatte? Ich Thor! Allerdings konnte ich im
Punkte der weiblichen Zuneigung wohl noch von keiner Erfahrung sprechen,
aber so viel weiß doch auch der einfachste Mensch, daß die Liebe
vorzugsweise gern durch das Auge ihren Einzug hält, und ich glich jetzt
allerdings mehr einem Beduinen vom berühmten Stamme der Uëlad Sliman als
einem civilisirten Jünger Aesculaps, der in den Heirathsstiefeln
umherspaziert. Das Räthsel war mir gelöst, und zwar auf eine Weise, welche
mich nicht ganz ohne Hoffnung für die Zukunft ließ.
Nachdem dem froherregten Herzen Genüge geschehen war und sich der Sturm
der Gefühle gelegt hatte, nahmen wir eng neben einander Platz, um die
nothwendigen Mittheilungen gegenseitig einzutauschen. Jetzt nun erst, im
Laufe der ruhigen Unterhaltung, bemerkte ich den Zug schwerer Ermüdung,
welcher um die eingesunkenen Augen, die eingefallenen Wangen und den
schmerzlich geschlossenen Mund des Bruders lag. Seine Haltung, sonst
kräftig und elastisch, war eine sichtlich schlaffe, und das vorhin so
freudige Roth seiner Farbe war einer krankhaften Blässe gewichen. Er war
krank – er litt – ich konnte keinen Zweifel hegen. Mit theilnehmender
Sorge ergriff ich seine Hand und erkundigte mich nach der Ursache der
Veränderung, welche dem brüderlichen Auge eher auffallen mußte, als jedem
anderen. Ein minutenlanges Schweigen folgte meiner Frage, und dann klang
es mit leiser, vibrirender Stimme:
»Du hast meinen letzten Brief erhalten?«
»Ja.«
»Und von meinem Glück gelesen?«
»Mit inniger Freude und Dank gegen Gott, Bernhard, der Dir ein solches
Wesen finden ließ!«
»Es ist aus – aus – wohl für immer!«
Das klang so trostlos, so aller Hoffnung bar, und da ich fest geglaubt
hatte, ihn im Schooße eines reichen Glückes zu finden, so mußte ich
betroffen ausrufen:
»Aus -? Inwiefern und warum?«
»Ich habe sie verloren.«
»Verloren? Auf wessen Verschuldung? So sprich doch!«
»Natürlich mußt Du Alles wissen, schön aus brüderlicher Offenheit. Aber
noch Eins: Du kennst die Verhältnisse diesem unglücklichen Landes besser,
als ich und weißt vielleicht da noch einen Rath, wo ich schon längst am
Ende meiner Klugheit stehe und vergebens die Gedanken zermartere, um noch
Etwas zu finden, was mir Hoffnung giebt. Ja, ich begrüße Deine Ankunft als
das einzige Ereigniß, welches mir, wenn auch vielleicht nicht die ersehnte
Hülfe, so doch wenigstens Trost und Beruhigung bringen kann.«
»Aber ich wiederhole meine Bitte: So sprich doch endlich! Du siehst ja,
daß Du mich förmlich auf die Folter spannst. Was ist denn nur geschehen,
das Dich, den fröhlichen, hoffnungsreichen und glücklichen Gesellen so
niederschmettern, so muthlos machen, so um die gewohnte Energie und das
glückliche Selbstvertrauen bringen konnte?«
»So höre! Du weißt, daß ich das obere Geschoß, eines alten Gebäudes
bewohnte, von dessen plattem Dache man einen freien Ueberblick auf die
niedriger gelegenen Dächer der Nebenhäuser hatte. Ich pflegte da oben die
kühlen Stunden des Tages zuzubringen und stieg auch öfters des Abends
hinauf, um die milde Luft und die Pracht des Himmels zu genießen, trotzdem
ich als Ausländer Gefahr lief, mir dadurch eine hier so gefährliche
Augenentzündung zuzuziehen.«
Das Nachbarhaus bewohnte einer jener Levantiner, welche meist als arme
Schlucker nach Egypten kommen und durch ehrlose Kunstgriffe und elende
Schurkereien nach und nach ein Vermögen zusammenscharren, nach welchem sie
blos streben, um es zu besitzen, da bei den Verhältnissen dieses Landes
die Klugheit ihnen verbietet, ihre Wohlhabenheit bemerken zu lassen. Der
Mann war mit einem Weibe und deren Schwester aus Syrien herübergekommen
und, wie ich bald erfuhr, für Geld zu Allem bereit, was Gewinn zu bringen
verspricht.
So wenig Sympathie man für den männlichen Theil der levantinischen
Christen hegt, so berühmt sind die Frauen der Levante wegen ihrer oft
geradezu sinnberückenden Schönheit und ihrer Herzenseigenschaften, durch
welche sie in den vortheilhaftesten Gegensatz gestellt werden zu ihren
moralisch verderbten Angehörigen, und ich glaubte fest, unter den Frauen
all’ der hier vertretenen Racen und Völkerschaften des Orientes sind sie
die einzigen, denen sich ein Lebensglück anvertrauen läßt.
Oefters schon hatte ich die beiden Nachbarinnen auf der Plattform ihres
Hauses luftwandeln sehen, stets aber tief verschleiert, und nur zuweilen
drang ein abgerissener Laut ihres immer leise geführten Gespräches empor
zu mir. Durfte ich nach dem süßen, weichen Wohlklange einer Stimme
schließen, so war die Sprecherin jung und sicherlich nichts weniger als
häßlich; wenigstens begann meine Phantasie ihre schmeichelnde Thätigkeit,
und da ich bemerkte, daß auch mir einige Aufmerksamkeit gewidmet wurde, so
regte sich bald der Wunsch in mir, die Geheimnisse des Schleiers einmal
lüften zu können. Sie waren keine Muhamedanerinnen, und ich durfte also
annehmen, daß eine kleine Wißbegierde meinerseits nicht auf eine völlige
Unmöglichkeit stoßen werde, zumal ich schon von Türkinnen die Erlaubniß
bekommen hatte, einen Blick hinter die grausamen und neidischen Falten
thun zu dürfen.
Eines Morgens waren sie nach beendigter Erholungsstunde wieder
hinabgestiegen, und ich stand schon im Begriffe, mein Zimmer nun auch
aufzusuchen, als ich von Neuem leichte Schritte vernahm. Rasch wandte ich
mich zurück. Aber wie soll ich Dir die Herrlichkeit beschreiben, auf
welche jetzt mein Auge fiel! Ich will es gar nicht versuchen, denn es
würde mir doch unmöglich gelingen, Dir einen auch nur annähernden Begriff
von der Schönheit, Reinheit und Unschuld zu geben, welche sich mir hier
// 58 //
offenbarte, zu einem weiblichen Wesen verkörpert, wie es mir
weder ein Gemälde noch ein Gebild meiner Phantasie gezeigt hatte. Das war
nicht ein Weib, sondern ein Mädchen, nicht die Frau des Kaufmanns, sondern
jedenfalls ihre Schwester. Mit einem raschen Schritte stand ich an der
Brüstung, und mit einem schnell gewagten Sprunge befand ich mich unten bei
ihr, vor ihr, in ihrer unmittelbaren Nähe, so daß ich meine Arme hätte um
sie legen können, wenn sie nicht zurückgewichen wäre.
Sie hatte etwas Vergessenes vermißt und war wieder zurückgeeilt, ohne
zuvor den Schleier umzulegen. Jetzt nun stand sie vor mir, übergossen von
der Gluth des Schreckens, und deutlich sah ich das Zittern, unter welchem
sie erbebte. Es war mir, als sei der Himmel offen, um mir all’ seine
Seligkeiten anzubieten, und mit einem raschen Griffe faßte ich nach ihr
und hielt sie bei den beiden kleinen, weißen Händen. Aber sprechen,
sprechen konnte ich nicht, ebensowenig wie sie; ich war nicht der rasche,
waghalsige Mann, als den Du mich ja kennst, sondern ich war wie ein Kind,
wie Bettler, der nicht wagt, einen Laut über seine Lippen kommen zu lassen
und das Verlangen nach Gnade und Barmherzigkeit nur in dem überwältigenden
Blick seines Auges concentrirt.
Auch ihr Auge sprach. Zwar suchte es den Boden, aber ich bemerkte keinen
Zorn in seinem Blicke, sondern nur Angst und Beklemmung. Ich wußte Alles,
Alles: Auch sie hatte mich während ihrer wiederholten Anwesenheit auf dem
Dache bemerkt, mich beobachtet und vielleicht Theilnahme für den einsamen
Fremden empfunden, der ihr so viel Aufmerksamkeit schenkte. Ein Gefühl
unendlichen Glückes schwellte mir die Brust, und im nächsten Augenblicke
hatte ich sie an mich gezogen und legte meinen Mund auf ihre weichen,
schwellenden, lebenswarmen Lippen. Mit Anstrengung all’ ihrer Kräfte
wollte sie sich loswinden, ich aber hielt sie fest und fragte:
»Bitte, o bitte, sage mir Deinen Namen!«
»Ich heiße Warde,« klang es leise, und mit einem neuen Versuche, mir zu
entschlüpfen, fügte sie hinzu: »Laß mich gehen, es ist Tag, und mir wird
angst!«
»Warde, Warde heißest Du? Das bedeutet in der Sprache meines Landes
’Rose.’ Willst Du meine Rose sein – meine Rose?«
Sie antwortete nicht, sondern rang weiter mit meinen sie noch immer
umschlingenden Armen.
»Es ist Tag, sagst Du, und darum wird Dir angst? Würdest Du fliehen, wenn
es dunkel ist und kein Verräther meine Küsse sehen könnte?«
»Laß mich gehen, o laß mich!«
»Kommst Du denn wieder, heut’, wenn es Abend geworden ist?«
»Ich darf nicht!«
Enger zog ich sie wieder an mich und drohte ihr energisch:
»Ich halte Dich fest, bis Du mir sagst, daß Du kommst.«
»Du bist ein Franke, und Dein Herz gehört der Heimath und –«
»O nein, nein,« unterbrach ich sie, »mein Herz gehört Dir, Dir, nur Dir,
und nie wird es an eine Andere denken! Kommst Du?«
»Ich komme,« hauchte sie.
»Allein?«
»Allein!«
»Noch einen Kuß, gegen den sie sich jetzt nicht sträubte, und dann eilte
sie davon. Ich stand wie ein Träumender; doch bald mußte ich mich an das
Gefährliche meiner Lage erinnern. Ein Blick empor zur Brüstung, von
welcher ich herabgesprungen war, zeigte mir, daß die zerbröckelten
Backsteine der Mauer meinen Händen und Füßen zwar gefährliche, aber doch
Stützpunkte zum Emporklimmen boten, und bald befand ich mich wieder oben.
Zurück mich wendend, gewahrte ich die letzte verschwindende Falte eines
weiblichen Gewandes. Sie war in Sorge um mich gewesen und hinter dem
Treppenvorsprunge stehen geblieben, bis sie mich in Sicherheit wußte. Sie
liebte mich; jetzt wußte ich es sicher, und mit Ungeduld erwartete ich den
Abend.« -
Während er von diesem glücklichsten Augenblicke seines Lebens erzählte,
rötheten sich seine blassen Wangen und seine Augen, füllten sich mit
seligem Glanze. Ja, so war er: kühn, entschlossen und den Augenblick
benutzend. Warum hatte ich es nicht auch so mit Leïlet gethan! –
»Sie hielt Wort,« fuhr er in seiner Erzählung fort; »sie kam, und von nun
an sahen wir uns täglich und beschäftigten uns bald ernstlich mit der
Berathung über unsere Zukunft. Da bemerkte ich, daß sie einsylbiger und
stiller war als sonst. Ich frug nach dem Grunde und erfuhr, daß jetzt
täglich ein reicher Egypter zu ihrem Bruder komme und mit ihm über sie zu
verhandeln scheine. Du weißt, daß hier die Frauen gekauft werden, oder
wenigstens durch die Auszahlung einer Summe Geldes zu erlangen sind. Mir
fehlten augenblicklich die Mittel, aber trotzdem beschloß ich, morgen
schon den Bruder zu besuchen, um dem Andern zuvorzukommen. Warde wollte
ihn vorbereiten.«
Am nächsten Vormittage saß ich oben auf der Plattform. Da hörte ich ein
Geräusch, bog mich vor und erblickte zwei Männer, welche zu derselben Zeit
nach oben sahen und mich sofort bemerkten.
»Aaïb aaleihu, Schande über ihn!« hörte ich den Einen rufen, während er
mit finsterem Blick die Stelle der Mauer musterte, welche ich als Stiege
zu benutzen pflegte.
Wer waren die Beiden? War es der Bruder, welchen ich noch nicht kannte,
vielleicht mit jenem Egypter? Ich ließ mich nach einer Weile zu einer
Unterredung bei ihm anmelden und erhielt den Bescheid, morgen zu kommen.
Warum erst morgen? Ich konnte mich des Gefühles nicht erwehren, das etwas
Feindseliges gegen uns im Werke sei, und erwartete mit einer nicht zu
überwindenden Beklemmung den Abend, an welchem ich Warde sprechen konnte.
Die Zeit unserer Zusammenkünfte kam, aber die Geliebte nicht. Ich wartete
bis spät in die Nacht hinein aber vergebens, und wünschte nun sehnlichst
den Anbruch des Tages herbei, um mir bei dem Levantiner Gewißheit hole zu
können.
Er empfing mich mit einem Gesichte, in welchem die Schadenfreude deutlich
geschrieben stand und beobachtete kaum die gegen einen Besuch
gebräuchlichen Höflichkeiten. Trotzdem trug ich ihm meine Angelegenheit
mit möglichster Ruhe und Freundlichkeit vor und sah dann mit Spannung
seiner Antwort entgegen.
// 59 //
»Du bist einer von den Effendi’s, welche der Vicekönig
gerufen hat, damit sie ihm große Häuser bauen, in denen der Dampf mehr
arbeitet, als hundert Männer?«
»Ja.«
»Ich hasse diese Fremden, welche zu uns kommen, um uns arm zu machen. Du
wirst Warde niemals wiedersehen!«
Das war allerdings deutlich genug, trotzdem aber hielt ich meinen Zorn
zurück und gab mir die möglichste Mühe, ihn zu einer Aenderung seines
Entschlusses zu bewegen, doch vergebens. Und als ich schließlich darauf
bestand, das Mädchen selbst zu sprechen, erhob er sich und gab mir den
niederschmetternden Bescheid:
»Du hast die Sitte und das Gesetz des Landes verletzt und das Angesicht
eines Weibes gesehen, welches das Eigenthum eines Andern geworden ist.
Warde ist gestern abgereist mit dem Manne, dem ich sie gegeben habe. Gehe,
laß Deinen Fuß nicht wieder mein Dach berühren!«
»So hast Du sie gezwungen, dieses Haus zu verlassen!«
»Gezwungen?« lachte er; »Du irrst, Fremdling; sie ging mit Freuden nach
dem Schiffe, denn sie hoffte Dich dort zu finden.«
»Mich? Also getäuscht, verrathen habt Ihr sie! Weißt Du, Elender, daß ich
sie suchen und auch fin
den werde? Aber, wehe Dir, wenn ich Dich zur Rechenschaft ziehen werde!«
»Schweig! Du bist ein Unwissender hier im Lande, sonst wäre Dir bekannt,
daß ich die Gewalt habe, mit den Frauen meines Hauses zu thun nach meinem
Wohlgefallen. Entferne Dich, damit mein Zorn Dich nicht dem Gesetze
überweise!«
Er sprach die Wahrheit und hatte das Recht, die Beleidigung, zu welcher
ich mich hatte hinreißen lassen, dem Richter anzuzeigen. Deshalb
beherrschte ich mich und ging, fest entschlossen, Alles zu thun und zu
wagen, um die mir Entrissene wiederzufinden.
Möglich war es, daß er mir ein Mährchen erzählt und Warde noch bei sich
hatte, doch brachten mich meine Nachforschungen bald zu der Ueberzeugung,
daß er mir die Wahrheit berichtet. Um so erfolgloser aber waren alle meine
Anstrengungen, eine Spur der Geliebten aufzufinden, obgleich ich Nichts
unterließ, was mir nur einen Schimmer von Hoffnung bringen konnte.
»So sind Monde verflossen und haben mir nichts weiter gebracht, als die
Ueberzeugung, daß ich verzichten muß, obgleich Alles in mir sich gegen den
Gedanken sträubt, das herrliche Wesen, welches mit aller Gluth des Herzens
nur mich allein liebt, in den Armen eines Andern zu wissen. Sieh mich an –
was ist aus mir geworden?« -
Er schwieg. Ich kannte ihn und wußte, daß jeder Versuch, ihn zu trösten,
nutzlos sein würde.
»Hast Du nicht den Gedanken gehabt, durch ihre Schwester Etwas zu
erfahren?«
»Natürlich; er lag so nahe, daß ich ihn gleich in der ersten Stunde hegte
und befolgte. Ich war entschlossen, sie zu sprechen, selbst wenn ich
dadurch in Gefahr gerathen sollte; aber sie wurde streng bewacht, durfte
das Dach nicht mehr betreten, und als ich doch den Posten auf der
Plattform nicht aufgab, brachte es mein Gegner dahin, daß der Wirth mich
unter tausend Versicherungen seines Bedauerns von der Nothwendigkeit
benachrichtigte, mir eine andere Wohnung zu suchen, da er meine jetzige
von jetzt für sich selbst haben müsse.«
»Und Du folgtest der Weisung freiwillig?«
»Ich mußte wohl oder übel, da es mir nicht einfallen konnte, mich mit dem
Manne herumzustreiten.«
»Und jetzt bewohnt er die Räume wirklich?«
»Das fällt ihm gar nicht ein; sie stehen noch leer, obgleich er sie
vermiethen will.«
»Gut, ich werde zu ihm gehen und sehen, ob ich sie für mich bekomme.«
»Für Dich?« rief er überrascht. »Wahrhaftig, Du hast recht. Geh’ hin, geh’
hin, Bruderherz; Du giebst mir neues Leben! O, ich wußte wohl, daß Dein
Kommen mir Trost und Ermuthigung bringen würde!«
»Da hat man den Sanguiniker! Erst vollständig hoffnungslos und jetzt in
Folge dieses einen Wortes große Erwartungen hegend. Täusche Dich nicht,
Bernhardt. Wir müssen uns berathen und werden allerdings wohl Nichts
versäumen, was sich möglicher Weise thun läßt, aber waren Deine
Anstrengungen vorher erfolglos, so dürfen wir nach so langer Zeit keine zu
großen Ansprüche an das Glück oder den Zufall machen.«
»Ich weiß, ich weiß es! Aber Du darfst mir doch nicht verwehren, mich über
Deine Gegenwart und Mithülfe zu freuen und dabei die Ansicht zu hegen, daß
Zweien Etwas leichter wird, als Einem. Nur eine Spur, eine kleine, leise
Spur verschaffe mir, und ich habe genug! Ich hole mir dann die
Verschwundene, und wenn ich sie unter den Pyramiden hervorgraben sollte.«
Er war aufgesprungen. Die Hoffnung spannte jetzt seine Muskeln wieder,
röthete seine Wangen und belebte seinen Blick. Ich konnte nicht anders,
als mich darüber freuen, und ging daher auf seine glückliche Stimmung ein:
»Das scheint mir denn doch etwas zu anstrengend; aber wenn Du sie aus
irgend einem Harem entführen willst, so bin ich mit dabei. Ich habe in
solchen Sachen einige Uebung und auch das nöthige Glück.«
»Du?« fragte er lachend. »Mit welcher Zuleika bist Du denn dem Großtürken
oder Padischa entwischt?«
»Zuleika? Pah, ein zu ordinairer Name für ein solches Abenteuer! Leïlet
muß sie heißen, ja, und so heißt sie auch wirklich. Willst Du sie sehen?«
»Junge, entweder fängst Du an, Romane zu schreiben, oder Du hast sonst
irgend einen Klapps, was bei der hiesigen Hitze sehr zu verzeihen wäre.«
»Selig sind, die nicht sehen und doch glauben, aber am allerseligsten
sind, die nicht glauben und doch sehen. Du sollst zu den Allerseligsten
gehören, d’rum ziehe Dein Feierkleid an, Du Ungläubiger, und mache Dich
auf, denn siehe, Du sollst im Hotel d’Orient die Krone aller Schönheiten
sehen, mit welcher sich vielleicht selbst Deine Warde nicht vergleichen
kann!«
»Höre, mein Sohn, Du scheinst im Ernst zu sprechen!«
»Natürlich ist es mein Ernst.«
»Wirklich? Also auch Du bist verliebt? Du, diese Krankheit scheint in
unserer Familie epidemisch zu werden: erst ich, jetzt auch Du! Komm und
erzähle!«
Ende des vierten Teils – Schluß folgt.