| Heft 5 |
Feierstunden am häuslichen Heerde. |
30. September 1876 |
Leïlet.
Novelle von M. Gisela.
[Karl May]
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war der Schwager Leïlets und Abrahim, in deren Mienen der
Triumph, uns überrumpelt und gefangen zu haben, sich deutlich ausprägte.
Es verstieß ganz gegen die gewöhnliche Handlungsweise des Morgenländers,
uns ohne ceremonielle Vorbereitung, persönlich und ohne obrigkeitliche
Begleitung in einer Angelegenheit aufzusuchen, die einen strafgesetzlichen
Character hatte. Jedenfalls wurden sie von gewissen Berechnungen dazu
bewogen, denen ich durch ein möglichst kurzes, bündiges und kräftiges
Verhalten begegnen mußte. Ohne eine Anrede abzuwarten, nahm ich deshalb
zuerst das Wort und begann, die Glocke nach einem Diener ziehend:
»Abrahim-Arha, Du bist ein höflicher und gütiger Mann. Ich hätte
vielleicht vergeblich nach Dir suchen müssen, wenn Du nicht selbst
gekommen wärest!«
»Ich verstehe nicht, was Du sprichst!« antwortete er, sichtlich verblüfft
über die ruhige Art und Weise, ihn zu empfangen, der doch jedenfalls
erwartet hatte, uns im höchsten Grade in Schrecken und Angst zu versetzen.
»Du wirst mich bald begreifen!« Und mich an den eintretenden Omar wendend,
frug ich: »Omar-Arha, sind die Läufe Deiner Pistolen geladen?«
»Herr!« antwortete er, die beiden Männer, von denen wenigstens der Eine
ihm nur zu wohl bekannt war, mit feindseligem Blicke messend, »sage mir,
wen ich niederschießen soll!« Und in demselben Augenblicke blitzen auch
die blankgeputzten Läufe der beiden Schießwaffen in seinen Händen.
»Jeden, der dieses Zimmer verlassen will, ohne daß ich es ihm erlaube!«
»Gut, Effendi!«
Die Hähne knackten, und wie er in entschlossener Haltung und mit
haßerfüllten Zügen an der Thüre stand, mußten die Beiden sofort erkennen,
daß er meinem Befehle unbedingte Folge leisten werde, so wenig ernst es
mir auch eigentlich mit ihm gemeint war.
»Abrahim-Arha, kennst Du mich?« wandte ich mich wieder an diesen.
»Dich, den Räuber meines –«
»Halt!« unterbrach ich ihn. »Nicht seit dieser Zeit meine ich, sondern
früher? Als ich zu Dir kam, gerufen von Dir, um Leïlet gesund zu machen,
da sah ich Deinen Auge den Gedanken an, daß Du mich schon einmal gesehen
habest. Doch war Deine Erinnerung zu schwach, Dir zu sagen, wo.«
Er blickte, ohne zu antworten, mich erwartungsvoll an.
»Denke an den Franken, den Du, Hedjahn-Bei, der Mörder der Karawanen, in
der Wüste von Dakel überfielst, beraubtest und tödten wolltest. Er war
stärker und klüger als Du und entkam Dir, aber Alles, was er besaß, seine
Habe, seine kostbaren Sammlungen, mußte er verloren geben. Wo hast Du mein
Eigenthum, Mann? Ich fordere es von Dir bis auf das letzte Kameelhalfter,
bis auf die letzte Zeltstange – mein Eigenthum, oder Dein Leben!«
In seinem Angesichte kämpften Furcht und Wuth miteinander, Furcht, meiner
Entschlossenheit gegenüber, und Wuth, mir zum zweiten Male als Besiegter
gegenüber zu stehen, mir, den er jetzt erst und allerdings nun zu spät
wieder erkannte. Aber fast noch mehr, als er, nahm Omar meine
Aufmerksamkeit in Anspruch, der jenem Ueberfalle ebenfalls mit beigewohnt
und später wohl tausend Mal dem Räuber in den glühendsten und dabei
belustigendsten Ausdrücken Haß und Rache geschworen hatte. Mit weit
vorgebogenem Oberkörper und vor Hast stotternder Stimme rief er:
»Effendi, Effendina, ich beschwöre Dich bei Allem, was im Himmel und auf
Erden ist, sogar bei dem Barte aller alten Weiber – den ihnen Allah noch
lange erhalten möge – ist er’s, ist er es wirklich?«
»Er ist es!« bekräftigte ich, mußte aber den erbitterten Diener mit einem
strengen Befehle abhalten, sich auf Abrahim zu stürzen.
»Und Du,« wandte ich mich jetzt zu seinem Begleiter, »Du hast geraubtes
Gut empfangen, um die Schwester Deines Weibes zu verkaufen! Frag’ das
Gesetz, welches Loos Deiner wartet.«
Der Egypter hatte sich jetzt endlich von seiner Ueberraschung erholt und
erkannte – allerdings wenigstens mit einigem Rechte – in meinen Worten
eine leere Drohung.
»Deine Rede ist weise,« meinte er in dem Tone schadenfroher
Ueberlegenheit. »Aber, Du vergissest, daß die Gnade des Mächtigsten im
Lande mich erleuchtet hat. Du zuckst die Waffe Deines Dieners gegen mich;
das Gesetz wird diese That bestrafen!«
»Du hast recht gesagt: meine Rede ist weise; aber die Quelle Deines Mundes
giebt schmutziges Wasser. Weißt Du nicht, daß dieser Mächtigste im Lande
keine Missethat vergeben kann, die an einem Unterthauen meines Landes, an
einem Diener meines Herrschers verübt worden ist? Du kannst der Strafe
nicht entgehen, denn der Consul meines Volkes wird nicht ruhen, bis der
Gerechtigkeit genug gethan ist!«
Er erblaßte und schwieg, und auch der Levantiner bot einen Anblick dar,
welcher mich auf den Gedanken brachte, daß er in irgend einer Weise,
vielleicht als Hehler und Ankäufer des erbeuteten Gutes, dem früheren Thun
Abrahims nahe gestanden habe. Ich mußte den Vortheil, den ich errungen
hatte, auszunutzen suchen.
»Abrahim-Arha, ich habe Dir die Kraft meines Armes und den Muth meiner
Seele gezeigt, Du sollst auch die Güte meines Herzens kennen lernen. Setze
Dich an meine Seite; wir wollen Worte der Versöhnung miteinander
sprechen!«
Er folgte halb gern, halb widerwillig meiner Aufforderung, und nun begann
eine Unterredung, in welcher Alles entwickelt wurde, was die Betheiligten
an Scharfsinn und Willenskraft besaßen, eine Unterredung, welche alle
Empfindungen und Regungen, deren das menschliche Herz fähig ist, in
Gährung brachte, eine Unterredung, so heiß und aufregend, daß ich
schließlich fast an dem Erfolge zu zweifeln begann und deren endliches
Resultat doch noch ein für mich so zufriedenstellendes war, daß ich Omar
den Befehl gab, die Pfeifen zu bringen.
Er stand während unseres Wortkampfes wie auf glühenden Kohlen und hoffte
immer, daß ich die Geduld verlieren und meine gegen Abrahim ausgesprochene
Drohung wahrmachen werde. Jetzt nun sah er sich so vollständig enttäuscht,
daß er mit vor Aerger fast weinender Stimme ausrief:
»Wenn es Dir Vergnügen macht, unseren kostbaren Djebeli mit Räubern zu
verrauchen, da werde ich auch einer, Effendi. Er mag sich seine Pfeife
selber stopfen!«
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Ein Blick der tiefsten Verachtung auf Abrahim gab dieser
Revolution gegen meinen Willen noch einen ganz besonderen Nachdruck, und
jetzt erst die Pistolen wieder in den Gürtel schiebend, schritt er aus der
Thür, um – meinen Befehl doch trotz Alledem gehorsam auszuführen.
Unser Uebereinkommen war ein einfaches. Abrahim-Arha verzichtete auf Warde
und ich auf eine gerichtliche Verfolgung gegen ihn. Mit diesem
Zugeständnisse brachte ich kein Opfer, da mir seine Bestrafung, die
übrigens noch sehr in Zweifel zu ziehen war, das verlorene Eigenthum nicht
zurückbringen konnte, während seine Verzichtleistung ihm so schwer wurde,
daß ich mich einer Regung des Mitleides nicht erwehren konnte.
Als er sich mit seinem Freunde, der den Wunsch, die Schwester seines
Weibes zu sehen, gar nicht ausgesprochen hatte, entfernte, kehrte diese zu
uns zurück. Sie hatte jedes unserer Worte gehört und dabei eine Angst
empfunden, die an Größe nur mit dem Entzücken zu vergleichen war, welches
jetzt aus ihren Augen strahlte.
Sie warf sich schluchzend an die Brust Bernhardt’s; dieser aber führte sie
mir zu.
»Nicht mir gehörest Du, sondern sein Eigen sollst Du sein! Er hat Dich
gefunden und befreit, hat Dich beschützt in den Gefahren der langen
Wasserfahrt und gegen die Angriffe Abrahims, hat Dich erkämpft und
errungen jetzt wieder von Neuem durch seine Vertheidigung, und deshalb
bist Du sein Eigenthum. Nimm sie hin, Bruder, und sei glücklich! Du hast
sie verdient, und ich werde Trost finden in dem Gedanken, daß ich meine
Pflicht gethan!«
Er weinte laut auf vor tiefinnerer Bewegung, und auch mir stürzten die
Thränen über die sonneverbrannten Wangen.
»Nein, Bernhardt, Dein Opfer würde Dich und auch uns Beide nur
unglücklichmachen! Gott weiß es, daß sie mir nicht weniger theuer ist, als
Dir, aber ihre Liebe gehört Dir, und deshalb darfst Du sie nicht von Dir
geben. Wache über ihr Glück, so wie ich es gethan hätte zu jeder Stunde,
zu jeder Minute meines Lebens, wem ihr Herz mir nicht fremd geblieben
wäre!«
Da schlang sie die Arme fest um meinen Nacken, legte ihre Lippen auf
meinen Mund und sprach dann mit betheuerndem Tone:
»Es würde nur Dir allein gehören, hätte ich nicht ihn vor Dir gekannt,
aber es liebt auch Dich – Dich – nur ihn und Dich!«
Ich nahm sie, legte sie in seine Arme und zog sie Beide an mich. So
standen wir lange, lange, weinend und schluchzend, als wären wir Kinder,
bis sich die Thür öffnete und Omar-Arha eintrat.
»Effendi – ach so – verzeihe! – aber – Allah kerim, Gott ist gnädig – und
wenn Abrahim-Arha, der Hedjahn-Bei, der Räuber da wäre, so hätte ich –
beim Barte des Propheten, auch Jemanden, den ich umarmen könnte. Salem
aleïkum, Friede und Heil sei mit Euch!«
Ende des fünften und letzten Teils.