| Heft 2 |
Feierstunden am häuslichen Heerde. |
9. September 1876 |
Leïlet.
Novelle von M. Gisela.
[Karl May]
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heit dieses Haus verlassen. Mein Trank muß Schlaf und tiefe
Ruhe bringen, und dann wird neue Kraft einziehen in die kranke Seele.
Leïlkum saaïde, glückliche Nacht!«
Ich konnte im Gehen diesen Gruß jetzt aussprechen; während der langen
Verhandlungen mit Abrahim war der Nachmittag vergangen, und jetzt dunkelte
der Abend in seiner südlich schnellen Weise schon herein. Omar Arha wurde
gerufen, da ich ein Opiat geben mußte, und dann brachen wir auf.
Meine Versicherung, daß ich die Patientin in kurzer Zeit vollständig
herstellen werde, hatte Abrahim-Arha bewogen, das Vorhergegangene
einstweilen zu vergessen, und so bot er mir für die Nacht seine
Gastfreundschaft an. Ich schlug diese ebenso aus wie jedes Geschenk, zu
welchem er sich geneigt zeigte; doch konnte und wollte ich auch gar nicht
verhindern, daß mein treuer Omar mit einem Bakschisch beglückt wurde, wie
er es wohl seit langer Zeit nicht bekommen hatte.
Als wir das Boot bestiegen, welches uns unter der Leitung unseres vorigen
Führers wieder zurückbringen sollte, wandte er sich deshalb mit stolzem
Selbstbewußtsein zu dem Diener:
»Wir werden das Weib Deines Gebieters gesund machen, trotzdem sie keine
Seele hat. Dafür hat der Mann, den Du Abrahim-Arha nennst, meine Hand mit
Segen gefüllt, was mir lange nicht so wehe thut, wie daß Du deshalb Deine
guten hundert Streiche eingebüßt hast. Ich bin gern bereit, sie Dir aus
unseren eigenen Mitteln zu erstatten, und paßt es Dir auch jetzt nicht
gleich, so komme in drei Tagen wieder. Wir reisen morgen noch nicht ab!«
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Unser Boot legte in der Nähe einer Dahabïe, einer Nilbarke
an, welche wegen Mangel an Wind das Ufer gesucht hatte. Die Taue waren
befestigt, die Segel eingezogen und nach dem frommen muhamedanischen
Gebrauche lud der Reïs, der Kapitän des Schiffes, seine Leute zum
Abendgottesdienste.
»Hai al el salah, auf, zum Gebete,« tönte seine tiefe, männliche Stimme,
und schon im Fortgehen, wandte ich mich schnell wieder zurück.
Hatte ich recht gehört? War das wirklich mein alter Freund Hassan, der Abu
el Reïsahn, der Vater der Schiffsführer, wie er von allen seinen Bekannten
genannt wurde? Die Stimme war die seinige; klar und deutlich schallte sie
vom Bord herüber, und als er die letzten Worte: »el salem aleïkum, der
Friede sei mit Euch,« mit einer Betonung gesprochen hatte, die nur ihm
eigenthümlich war, konnte ich keinen Zweifel mehr hegen.
Fast hüpfte mir das Herz vor Freude über diese willkommene Ueberraschung.
Auf ihn, meinen alten Führer und Beschützer, konnte ich mich in jeder
Lage, auch in der gegenwärtigen verlassen. Wir hatten zahlreiche Fahrten
und Kameelwanderungen mit einander unternommen und uns in Folge der
gemeinschaftlich bestandenen Gefahren so innig zusammengelebt, als seien
wir Vater und Sohn. Nach wenig Augenblicken stand ich bei ihm auf dem
Schiff und fühlte die kräftige Umarmung, mit welcher er mich, ganz gegen
den kalten orientalischen Gebrauch, an sich drückte.
»Heil sei mit Dir, mein Sohn, daß Du meinen Augen Dein Angesicht zeigest;
Allah hat Dich beschützt mitten im Gifte des Sudan, damit mein Herz Freude
an Dir habe. Komm, steige über diese Gummiballen und laß mich hören, was
Deinen Fuß an diesen schlimmen Ort geführt!«
»Ein schlimmer Ort?«
»Vor dem Auge des Ungerechten welkt das Gras, und vor seinem Blicke
sterben die Blumen des Feldes. Weißt Du nicht, daß hier Abrahim-Arha
wohnt, der sich früher Hedjahn-Bei nannte?«
»Hedjahn-Bei, der Mörder der Karawanen!« rief ich so laut, daß es weit
über das Wasser schallte und Hassan mich mit einer angstvollen Bewegung
zum Schweigen mahnte. »Hedjahn Bei, der dann vom Vicekönig begnadigt
wurde, um seine früheren Spießgesellen an den Strick zu liefern?«
»Ja, Hedjahn-Bei, der auch uns beraubte und gefangen nahm, und dem wir nur
entkamen, weil Du sein Kameel tödtetest!«
»Komm näher, immer näher, damit kein anderes Ohr meine Worte vernehme, Abu
el Reïsahn! Weißt Du, daß ich bei ihm war?«
»Bei ihm? Kannte er Dich wieder?«
»Fast. Er zeigte mir seinen Harem.«
»Seinen Harem? Allah bewahre Deinen Kopf! Hat Dich die Sonne gestochen?«
»Ich bin gesund und bei Sinnen, Hassan; Du sollst Alles wissen. So höre!«
Ich erzählte ihm das Abenteuer des heutigen Nachmittages, aber ohne noch
Etwas über meinen Entschluß, die Kranke zu befreien, verlauten zu lassen.
Seit ich nun wußte, warum wir Abrahim-Arha so bekannt vorgekommen war,
hatte dieser Entschluß womöglich noch an Festigkeit gewonnen. Hassan hörte
mir lautlos bis zum Schlusse meiner Erzählung zu und beobachtete auch dann
noch ein nachdenkliches Schweigen. Endlich fragte er langsam und mit
Betonung:
»Wann willst Du fortgehen von hier?«
»Noch diese Nacht.«
»Und die Rose des Mörders?«
»Sie wird mit mir gehen,« antwortete ich, erstaunt über den Scharfsinn des
Alten, welcher mich vollständig errathen hatte.
»Mein Sohn –«
»Laß Deine Zunge schweigen, mein Vater!« fiel ich ihm in die Rede. »Ich
weiß, was Du mir sagen willst und kenne meine Wege. Du sollst nicht
sündigen an dem Gesetze des Propheten; aber zur Zeit des ersten Gebetes
wirst Du mit dem Schiffe da sein, wo mein Kahn Dich erwartet.«
Wieder schwieg er eine geraume Zeit; dann antwortete er:
»Die Dahabïe ist nicht mein Eigenthum. Ich komme vom Bahr el abiad, wo ich
Gummi und Senna bestellt habe, und reise als Gast zurück. Aber um die Zeit
der Morgenröthe werden wir schon weit von diesem Orte sein.«
Damit war es abgemacht. Der alte »Vater der Schiffsführer« stand in so
hohem Ansehen bei seinen Standesgenossen, daß er auf jedem von ihm
bestiegenen Schiffe sich getrost als Herr benehmen konnte, und ich mußte,
daß
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der mir den größtmöglichsten Schutz gewähren werde, trotzdem
er als Muselmann sich nicht näher in eine Angelegenheit einlassen konnte,
welche sich zwischen einem Weibe und einem Ungläubigen entwickeln sollte.
-
In meine Wohnung zurückgekehrt, ging es vor allen Dingen nun eifrig an’s
Einpacken. Meine Sammlungen gab ich in Obhut des mir freundschaftlich
gesinnten Consuls, den ich noch besuchte, und alles Uebrige mußte Omar auf
die Dahabïe besorgen. Sodann construirte ich mir eine Laterne, wie sie zu
dem vorliegenden Zweck am besten geeignet erschien. Ich füllte nämlich ein
kleines geschliffenes Fläschchen fast bis an den Rand mit seinem Oele und
gab ein Stückchen Phosphor hinein; dann schloß ich die Vorrichtung
luftdicht zu und hatte eine Laterne, die nicht nur einen genügenden
Lichtschimmer verbreitete, sondern auch wenig Platz beanspruchte und
selbst unter dem Wasser keinen Schaden leiden konnte.
Zuletzt noch, als ich die Briefschaften in das Portefeuille schloß, fiel
mir der letzte Brief meines Bruders in die Hände. Er war von Kairo datirt
und lautete an einer seiner Stellen:
...»Ich weiß, daß Du mit Deinem mehr auf die That
gerichteten Character die Liebe für eine Schwäche hältst und kann leider
Deine Ansicht auch nicht widerlegen, da Du noch kein Wesen getroffen hast,
welches es verstanden hätte, sich aller Gefühle und Empfindungen Deines
Herzens zu bemächtigen. Aber wenn Dir ein derartiges Wesen entgegen träte,
wie ich es voll unendlicher Seligkeit in meinen Armen halte, so würde auch
Dein Gemüth sich dem Sonnenstrahle der Liebe öffnen und alle Stimmen
Deines Innern müßten zusammenklingen zu einem einzigen großen, unendlichen
Jubel. Du weißt, daß ich ein nüchternes Menschenkind und kein Phantast und
Schwämer bin, aber seit ich in dieses Auge geblickt, seit ich diese Lippen
geküßt, seit diese Locken mir duften und diese Stimme mir klingt, habe ich
einen guten Theil des trägen, irdischen Stoffes abgestreift und lebe in
einer ununterbrochenen Entzückung, welche mich fast an die Himmel
Muhamed’s glauben läßt. Lache und spotte meinetwegen über mich, aber komm’
und siehe selbst – ich bin überzeugt, daß dann Dein Spott verstummen
wird!....«
Wirklich hatte ich mich beim Lesen dieser Zeilen eines gewissen Lächelns
nicht erwehren können; jetzt aber weckte die Wiederholung ganz andere
Gefühle in meinem Herzen.
Welch’ eine Schickung, daß wir beide fast zu gleicher Zeit unsere bisher
so widerstrebenden Nacken unter dem Scepter der Schönheit beugen mußten!
Welch’ ein Glück, daß uns das Geschick grad’ in dieser seligen Zeit
zusammenführen sollte! Und welch’ eine Wonne, welche uns im
engeschlossenen Kreise für die ganze Zeit unseres Lebens erwartete! -
Der Kahn stieß ab.
Es war eine jener Nächte, in denen die Natur in so tiefem Vertrauen ruht,
als gäbe es auf der ganzen weiten Erdenrunde keine einzige drohende oder
störende Macht.
Die leisen Lüfte, welche mit den Schatten der Dämmerung gespielt, waren
zur Ruhe gegangen; die Sterne des Südens lächelten verschwiegen aus dem
tiefblauen Dunkel des Himmels herab, und die Wasser des göttlichen Stromes
flutheten ruhig und fast lautlos in ihrer breiten Bahn dahin. Wir ließen
das kleine, schwanke Fahrzeug von den Wellen treiben. Ich lehnte halb
liegend am Steuer; Omar saß regungslos und träumend bei den eingezogenen
Rudern, und so gaben wir uns widerstandslos der Ruhe hin, welche jeder
That, sei es in der großen Gottesnatur oder im Leben des schaffenden
Menschen, voranzugehen pflegt.
Auch in den Tiefen meines Innern herrschte Ruhe, stille, friedliche Ruhe;
es war, als zöge ein heiliger Gotteshauch über die Gefilde meines Herzens,
und ich dachte unwillkürlich an die Worte des orientalischen Königs,
welcher unter den Palmen Zions dem Herrn Jehova die Klänge seiner Psalmen
opferte: »Meine Seele ist stille in Gott!« Ja, so war es; die wahre Liebe
lehnt sich an Gott, gründet sich auf das Vertrauen zu seiner Hülfe und
spricht in der Stunde der Gefahr: »Mit dem Herrn wollen wir Thaten thun.«
Es war nichts Leichtes, was ich zu vollbringen gedachte; denn ich wollte
mich in die Höhle des Löwen wagen, vor dessen Namen das ganze Nilthal, die
angrenzenden Wüstenstrecken und die in ihnen zerstreuten Oasen gezittert
hatten; die Schießwaffen mußte ich zurücklassen und sah mich also fast
wehrlos ihm und den Seinen gegenübergestellt, falls ich überrascht und
entdeckt wurde. In diesem Falle konnte ich auch auf den Beistand meines
sonst so tapfern Dieners nicht zählen, denn dieser mußte zurückbleiben, um
das Boot zu bewachen und den an das Ufer befestigten Kahn Abrahims in den
Grund zu bohren, damit eine etwaige Verfolgung abgeschnitten und
verhindert werde. Aber die Gefahr war mir so oft begegnet, daß ich mich
nach und nach an sie gewöhnt hatte, und zudem galt es hier ja einen Preis,
für den das größte Wagniß noch kein zu hohes Opfer genannt werden konnte.
Also vorwärts; bis zur Morgenröthe ist es keine Ewigkeit, und jetzt gilt
es zu handeln; dort heben sich schon die dunklen Umrisse des Gebäudes aus
ihrer grauen, steinigten Umgebung hervor!
Ich ließ mich eine Strecke oberhalb des Ortes, den Omar dann in einem
weiten Bogen umfahren sollte, um weiter unten anzulegen, an das Land
setzen und schritt dann vorsichtig, zwischen den zerstreut umherliegenden
Felsenblöcken Deckung nehmend, der Mauer zu, um zunächst zu recognosciren.
Wie sich allerdings erwarten ließ, war das äußere Thor verschlossen; aber
es war auch in keiner Weise die Spur eines lebenden Wesens zu bemerken,
ein Umstand, welcher mich mit Genugthuung erfüllte, denn so konnte ich
annehmen, daß die Bewohner des einsamen Hauses nicht mehr wach seien.
Trotzdem schritt ich nicht in aufrechter Stellung zum Kanale, sondern
gebrauchte die auf keinen Fall schädliche Vorsicht, mich auf die Erde zu
legen, um ihn kriechend zu erreichen.
Seine Wasser blinkten mir nicht sehr einladend entgegen; jedenfalls war es
nicht angenehm, einem schönen weiblichen Wesen in triefender, vielleicht
schlammiger Kleidung entgegen zu treten. Natürlich hatte ich nur
diejenigen Stücke angelegt, welche unumgänglich nothwendig waren, und
alles Andere im Boote gelassen. Ich warf einen Stein in das Wasser und
hörte an dem dadurch hervorgebrachten Schalle, daß es nicht tief sei.
Wirklich brauchte ich gar nicht zu schwimmen; es reichte mir kaum bis an
den Mund, aber eine hohe Lage Schlamm hatte sich
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auf dem Boden abgesetzt, der mir das Vorwärtskommen sehr
erschwerte.
Nach wenigen Schritten befand ich mich unter dem gewölbten Bogen der
Leitung und zählte genau die Schritte, welche ich vorwärts that. Als ich
mich nach meiner ungefähren Berechnung unter dem innern Hofe befinden
mußte, senkte sich plötzlich die Wölbung bis herab auf die Oberfläche des
Wassers, und ich wußte nun, daß ich mich in der Nähe des Bassins befinde.
Die noch übrige Strecke mußte ich tauchend und in gebückter Stellung
durchkriechen, was nicht blos höchst unbequem und anstrengend, sondern
auch mit Gefahr verbunden war. Wie nun, wenn sich mir ein
unvorhergesehenes Hinderniß in den Weg stellte und ich auch nicht so weit
zurückkehren konnte, um den nöthigen Athem zu holen – oder wenn ich beim
Emportauchen von irgend Wem bemerkt wurde? Es war doch immerhin möglich,
daß sich Jemand in dem Hofe befinden konnte.
Aber alle diese Bedenken konnten mich nicht irre machen. Ich sog die Lunge
voll Athem, bog mich unter das Wasser und schob mich, halb schwimmend,
halb gehend, so schnell wie möglich vorwärts.
Eine ziemliche Strecke hatte ich zurückgelegt, und schon verspürte ich den
eintretenden Luftmangel, als ich mit der Hand an ein Hinderniß stieß. Es
war ein aus starken Stäben zusammengesetztes Gitterwerk, jedenfalls
angebracht, um Thiere und grobe Unreinigkeiten von dem Bassin abzuhalten.
Bei dieser Entdeckung wollte sich doch eine gewisse Aengstlichkeit meiner
bemächtigen.
Zurück konnte ich nicht, denn ehe ich die Stelle erreicht hätte, wo ich
emportauchen und athmen konnte, war ich jedenfalls schon erstickt, und
doch schien das Gitter sehr dauerhaft gearbeitet und befestigt zu sein.
Aber hier gab es nur zwei Fälle: entweder gelang es mir, durchzukommen,
oder ich mußte ertrinken.
Mit aller Gewalt stemmte ich mich gegen die Stäbe – vergebens; das Gitter
war tief in die Mauer eingefügt. Jetzt faßte ich nur den einen Stab in
seiner Mitte und zog ihn mit angestemmten Füßen an mich – er gab nach; das
Wasser hatte ihn biegsam und morsch gewacht; – ein zweiter Ruck, und er
brach – die nächsten folgten – jetzt war die Oeffnung groß genug zum
Hindurchschlüpfen, und gerade in dem Augenblick, an welchem mir die Brust
zu zerspringen drohte, stand ich im Bassin, hob den Mund über die
Oberfläche des Wassers, schöpfte neuen Athem und zog dann aber sofort den
Kopf wieder zurück, um mich erst zu überzeugen, daß ich unbemerkt sei.
In Folge der Anstrengung aller Muskeln und der Aufregung der
Athmungswerkzeuge zitterte ich heftig am ganzen Körper; doch ging das
schnell vorüber, und als ich nichts Verdächtiges bemerkte, befand ich mich
bald außerhalb des Wasser und schlich mich in den Schutz des dunklen
Schattenstreifens, welcher sich längs der Wand hinzog.
Ein Schreck aber blieb mir nicht erspart: bei der unausgesetzt gebückten
und heftigen Bewegung war mir der Dolch entfallen. Zwar hatte ich, auch
diesen Fall erwägend, nicht eine meiner besseren Waffen zu mir gesteckt,
und der Verlust war also ein an sich nur geringer; kam ich aber in die
Lage, mich vertheidigen zu müssen, so war er doch groß genug, um mich
ernstlich besorgt zu machen.
Zunächst schlich ich zum Thore, welches den inneren Hof von dem äußern
abschloß; es war durch einen einfachen Riegel verschlossen, welcher sich
leicht zurückschieben ließ. Dasselbe hatte ich auch an dem Thore bemerkt,
welches sich draußen in der Mauer befand. Der Rückzug konnte also unschwer
vor sich gehen.
Ich öffnete, schlich hinaus und holte mir eine jener Stangen, welche ich
heut’ gesehen hatte. Sie waren als Stützen der Bäume verwendet worden und
lagen jetzt, da diese Bäume längst eingegangen waren, zerstreut umher.
Sie war lang genug. Ich lehnte sie an die Mauer, klomm vorsichtig empor
und bemerkte zu meiner großen Freude, daß das Fenstergitter nicht wieder
geschlossen war. Mit einer Hand mich an der Stange haltend, schob ich die
eine Hälfte leise und behutsam zurück stand nach einigen vergeblichen und
gefährlichen Versuchen endlich in dem Vorzimmer.
Aufmerksam horchend, vernahm ich die tiefen und regelmäßigen Züge eines
Athmenden. Ich schlich mich näher, holte meine chemische Laterne aus der
Tasche und ließ ihren phosphorescirenden Schein einen kurzen Augenblick
lang auf den Schlafenden fallen.
Es war ein altes Weib, welches, mit dem Oberkörper an die Wand gelehnt, in
orientalischer Weise auf einem ausgebreiteten Teppich ruhte. Ihr Schlaf
war, wie ich nach aufmerksamerem Lauschen vernahm, kein gewöhnlicher.
Leïlet hatte meine Worte: »mein Trank muß Schlaf und tiefe Ruhe bringen,«
wohl verstanden und der alten Dienerin einen Theil des Opiums gegeben.
Leise, leise schritt ich nun zur nächsten, durch einen Zeugstoff
verhängten Thüröffnung, schob die Portiére zurück und befand mich im
tiefsten Dunkel. Wieder lauschte ich, aber nicht der leiseste Lufthauch
war zu bemerken, und schon wollte ich wieder zu der Leuchte greifen, als
ich bis in das tiefste Mark hinein vor Schreck erbebte, dann aber sofort
von einer Seligkeit ergriffen und durchfluthet wurde, wie ich sie noch nie
empfunden hatte; eine kleine, weiche, warme Hand hatte die meine erfaßt
und zog mich jetzt tiefer in das Zimmer.
»Salem aleïkum, Friede sei mit Dir!« hauchte es ganz nahe an meiner Wange.
»Ich wußte, daß Du kommen würdest.«
»Wer sagte es Dir?« fragte ich leise.
»Dein Auge und mein Herz. Hattest Du nicht deshalb das Gitter geöffnet?«
»Ja, ich bin’s gewesen. Aber wenn ich nicht schon heut’ gekommen wäre?«
»Ich hätte Dich erwartet, morgen, später, zu jeder Zeit, in jeder Nacht!«
Sie hatte mich verstanden, mir geglaubt, mir vertraut! Eine Wonne
durchzitterte meine Seele, wie sie von keiner Sprache, von keiner Rede
beschrieben werden kann.
»Willst Du mit mir gehen?«
»Ja.«
»Bist Du sein Weib?«
»Nein.«
Dieses »Nein« klang so fest und energisch, daß ich seine Bedeutung in
seinem ganzen Umfange fühlen mußte.
»Wo ist er?«
»In seinem Divan. Er schläft.«
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»Auch von der Medizin?«
»Nein. Er ist zu klug und hätte es entdeckt.«
»Hörtest Du mich komme?«
»Ja. Mein Herz hat gezittert, und die Angst fesselt meine Glieder. Er
kommt des Nachts sehr oft bis an die Thür.«
»So laß uns fliehen! Wie gehen wir?«
»So wie Du kamst; kein anderer Weg ist möglich.«
Sie schritt in eine Ecke des Zimmers und drückte, zu mir zurückgekehrt,
mir das Ende einer starken Schnur in die Hand, welche sie sich um den Leib
befestigt hatte. Bei dieser Berührung bemerkte ich das angstvolle Beben
ihrer Finger.
»Wirst Du das halten?«
»Ja.«
In der andern Hand trug sie ein ziemlich umfangreiches Bündel, welches sie
vorsichtig aus dem Fenster fallen ließ. So fest hatte sie an mich
geglaubt, so sicher hatte sie mein Kommen gewußt, daß sie vollständig zur
Flucht vorbereitet war.
Sie stieg in die Fensteröffnung. Unbewohnt einer solchen Anstrengung,
konnte sie die nöthige Vorsicht nicht anwenden; eine der alten morschen
Holzleisten brach mit lautem Krachen los und stürzte prasselnd hinab auf
die Steine. Hier gab es kein Säumen, denn dieses Geräusch mußte man im
entferntesten Winkel des Hauses gehört haben. Ich bog mich neben ihr
hinaus und zog die Stange herbei. Die Angst gab ihr die nöthigen Kräfte,
und an der Schnure von mir gehalten, glitt sie langsam hinab.
Kaum aber hatte sie den Boden berührt, so hörte ich rasche Schritte sich
von der Seite der Männerwohnung nahen. Ich schwang mich auf die Brüstung
und sprang, die Stange gar nicht benutzend, hinunter in den Hof. Dort
griff ich das Bündel auf, faßte das Mädchen am Arme und zog sie in größter
Eile nach dem Thore.
Da ertönte ein Schrei hinter uns, der aus gar keiner menschlichen Kehle zu
kommen schien, und dann war es still. Aber diese Stille war eine
gefährliche; er war nach Waffen gesprungen. In raschem Laufe flohen wir
über den äußern Hof. Der Riegel des Thores ließ sich von unkundiger und
ängstlicher Hand schwer regieren und raubte uns die kostbarsten
Augenblicke. Endlich flog er zurück, aber hinter uns schnaubte auch schon
der Verfolger. Noch waren wir nicht weit über die Mauerecke gekommen, als
er aus dem Thore gesprungen kam. Ich zeigte nach der Stelle, an welcher
ohngefähr ich Omar vermuthete.
»Fliehe dorthin; ich werde ihn halten!«
Er kam näher; ich sprang auf die Seite, um ihn zum Schusse zu verleiten.
Es gelang. Die Kugel pfiff an mir vorüber und ich stürzte wie getroffen
zur Erde. Was ich erwartet hatte, geschah: sich gar nicht um mich
kümmernd, sprang er dem Mädchen nach.
Sofort erhob ich mich wieder, flog hinter ihm her, packte ihn mitten im
Laufe, so daß er zum Stehen kam, und schlug ihn, noch ehe er zu einem
Entschlusse kommen konnte, mit der Faust zu Boden.
Ich wußte, daß er schon nach wenig Secunden wieder zu sich kommen werde,
auch mußten die übrigen Bewohner des Hauses ihm sofort folgen, deshalb
faßte ich das Mädchen am Arme und rief laut nach meinem Diener. Aber da
tauchte auch schon seine Gestalt vor uns auf. Er war bei dem Schusse aus
dem Boote gesprungen, um mir zu Hülfe zu kommen. Jetzt drückte er mir vor
allen Dingen den Revolver in die Hand und eilte uns dann voran.
Er hatte, um gleich abstoßen zu können, das Fahrzeug nicht vollständig auf
das Trockene gebracht. Ohne mich lange zu besinnen, nahm ich deshalb
Leïlet auf die Arme und trug sie durch das Wasser. Auch das Kleiderbündel
war gerettet und die größte Gefahr jedenfalls vorüber, trotzdem wir die
Verfolgung jetzt wieder von Neuem hörten.
Eben legte Omar die Ruder ein und ich zog das Steuer auf die Seite, als
zwei Männer am Ufer erschienen. Es war der wieder zu sich gekommene
Abrahim und der Diener, welcher uns heut’ gerudert hatte. Mit einem lauten
Fluche sprang der Erstere in’s Wasser und faßte mit den beiden Händen den
Rand unseres Bootes. Da aber hob Omar das eine Ruder in die Höhe und ließ
es mit so wuchtigem Schlage auf die Finger des Egypters fallen, daß dieser
mit einem schrillen Schmerzensschrei fahren ließ.
Der Andere stand wie eine Bildsäule am Ufer; er schien jetzt erst zu
bemerken, um was es sich eigentlich handle. Mein tapferer Haushofmeister
erhob sich jetzt von der Ruderbank und rief, ihm die gravitätischesten
seiner Grüße zuwinkend:
»Warum stehst Du da, Djemmel, Kameel, und wunderst Dich? Habe ich Dir
nicht gesagt, daß wir heut’ abreisen? Strecke Deine Arme aus, Du Inbegriff
aller Weisheit, und ziehe den Fisch aus dem Wasser, den Du Abrahim-Arha,
Deinen Gebieter nennst. Allah tröste Euch; Salem, Salem aleïkum!«
Es war uns leicht, den Eindruck zu beobachten, welchen diese salbungsvolle
Rede auf den armen erschrockenen Mann machte, denn der Morgen begann sich
zu röthen, und da drüben kam auch schon eine Dahabïe herabgesegelt, in
welcher ich die erwartete vermuthete. Ich hatte mich nicht getäuscht; als
wir uns ihr näherten, erkannte ich Hassan, den Reïs, welcher vorn am
Schnabel stand und uns zuwinkte.
Leïlet hatte gleich nach der Besteigung des Bootes ihre Schleier umgelegt
und zog sich, als wir auf dem Schiffe angekommen waren, sofort in die
Kajüte zurück. Ich dagegen schritt zu Hassan, um zu erforschen, in wie
weit die Mannschaft auf meine Anwesenheit vorbereitet sei.
»Marhaba, Du sollst willkommen sein!« sprach er, meine Absicht errathend.
»Du bist mein Freund, mein Sohn!«
Er hatte deutlich gesprochen. Daß er das Mädchen nicht erwähnte, belehrte
mich, daß er mir Gastfreundschaft im vollsten Umfange gewähre, aber alle
weitere Verantwortung von sich weise. Ich öffnete mein Portefeuille und
winkte den Kapitän herbei:
»Wem gehört dieses Schiff?«
»Dem Herrn gehört’s, Effendi!«
Es war Eigenthum der Regierung, ein glücklicher Umstand für mich. Ich
hielt ihm meinen Firmahn entgegen.
»Kennst Du diese Schrift?«
»Ich kenne sie, Effendina!« antwortete er mit einer dreimaligen und so
tiefen Verneigung, als stehe er vor seiner Unüberwindlichkeit, dem
Großherrn selbst.
Ende des zweiten Teils – Fortsetzung folgt.