| Heft 1 |
Feierstunden am häuslichen Heerde. |
2. September 1876 |
Leïlet.
Novelle von M. Gisela.
[Karl May]
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»Ich darf nicht gehen; denn ich werde hundert Schläge auf
die Sohlen bekommen, wenn ich den weisen Effendi nicht bringe!«
»Danke Deinem gütigen Herrn, Du Sclave eines Egypters, daß er Deine Beine
mit Gnade erleuchtet! Ich will Dich nicht um diese Seligkeit betrügen und
Dich deshalb allein ziehen lassen. Wir reisen Morgen ab. Salehm aleïkum,
der Herr sei mit Dir; er lasse Dir die Streiche wohl bekommen!«
»So laß Dir noch Eins sagen, tapferer Arha. Der Herr unseres Hauses hat
mehr Beutel in seiner Schatzkammer, als Du jemals zählen kannst. Du
solltest auch mitkommen, hat er mir befohlen, und Du wirst ein Bakschihsch
haben, ein Geschenk, wie es selbst Hafihs-Pascha, der Diamantenspendende,
niemals gegeben hat.«
Jetzt wurde der Mann endlich klug und faßte meinen guten Omar bei dem
Punkte, an welchem man den Morgenländer zu packen hat, wenn man ihn
günstig stimmen will. Der geldlustige Haushofmeister änderte auch sofort
den Ton seiner Stimme und gab die etwas weniger harte Antwort:
»Allah segne Deinen Mund, mein Freund! Aber ein Piaster in meiner Hand ist
mir lieber als zehn Beutel in der Deinigen. Ich will mir es überlegen, ob
ich den Herrn stören darf.«
»Laß den Rath Deines Herzens nicht zögern; hier nimm die Gabe Deines
Bruders!«
»Deine Hand ist mager wie der Schakal hinter der Schlinge und dürr wie die
Wüste jenseits des Mokkadam. Wie kann das Feld Frucht bringen, wenn nur
zwei Tropfen Thau von Himmel fallen!«
Nach dieser sehr deutlichen Aufforderung vernahm ich zum zweiten Male den
klimpernden Ton des Silbers, und nun erst war Omar bereit, »mich zu
stören.« Ich konnte ihm unmöglich bös sein. Er handelte nur nach der
allgemeinen Unsitte, und übrigens sind hier oben in Rubien die deutschen
Aerzte nicht so öfters zu finden, als daß ein reicher Türke, wie Abrahim
jedenfalls war, mit einem kleinen Bakschihsch hätte knausern dürfen.
Was mich aber bei der Angelegenheit mit Verwunderung erfüllte, war der
Umstand, daß ich – wie ja aus den Reden der Beiden zu ersehen war, nicht
zu einem männlichen, sondern zu einem weiblichen Patienten verlangt wurde.
Obgleich ich schon mehrere Jahre im Oriente verweilt hatte, besaß das Wort
Harem doch immer noch den Reiz des Geheimnißvoll-Romantischen für mich,
und wenn ich auch den Character der morgenländischen Frauen nicht achten
konnte, so mußte ich doch ihre oft wirklich unvergleichliche Schönheit
bewundern, von der ich schon öfters hinter einem fortgewehten
Schleierzipfel eine kleine aber überzeugende Probe bemerkt hatte. Da aber
der Muselmann die Bewohnerinnen seiner Frauengemächer sogar in den
dringendsten Fällen nicht den Augen eines Fremden, auch nicht des Arztes
freigiebt, so handelte es sich hier jedenfalls entweder um eine alte
Dienerin oder ich bekam nichts weiter zu sehen, als die Fingerspitzen der
Patientin. Deshalb sah ich dem Eintritte Omars mit ziemlicher
Gleichgültigkeit entgegen.
»Herr, ein Mann will mit Dir sprechen, welcher draußen steht. Er hat ein
Boot im Nil und sagte, ich müsse auch mit kommen!«
Fast hätte ich lachen müssen über die letzte Bemerkung, mit welcher sich
der schlaue Bursche ein weiteres Trinkgeld sichern wollte. Doch mochte ich
ihn nicht in Verlegenheit bringen und befahl ihm deshalb kurz, den Boten
herein zu schicken.
Dieser verbeugte sich bei seinem Eintritte bis herab zur Erde, zog die
Schuhe aus, trat um einige Schritte näher und begann unter wiederholter
Verbeugung:
»Salem aelïkum, Allah sei mit Dir, o Herr, und lasse Deine Ohren offen
sein für die Bitte des geringsten Deiner Knechte.«
Meine Antwort erwartend, schwieg er. Ich erwiderte seinen Gruß mit einen
kurzen Nicken des Kopfes und befahl:
»Sprich!«
»Es ist großes Herzeleid gekommen über das Haupt Abrahim-Arha’s, meines
Gebieters, denn Leïlet, die Krone seines Herzens, schwindet hin in die
Schatten des Todes und kein Arzt, kein Fakhir und auch kein Zauberer
vermag die Schritte ihrer Krankheit aufzuhalten. Da hörte mein Herr – den
Allah erfreuen möge – von Dir und Deinem Ruhme, und daß der Tod vor Deiner
Stimme flieht. Er sandte mich zu Dir und läßt Dir sagen: Komm und gieb mir
meine Blume wieder; nein Dank soll süß und hell sein, wie der Glanz des
Goldes!«
»Ich kenne diesen Ort und habe doch Deinen Herrn noch nicht gesehen. Wo
wohnt er?«
»Er wohnt am Strome und sendet Dir ein Boot. In einer Stunde hast Du ihn
erreicht.«
»Ich komme!«
Er zog sich zurück und ich erhob mich, nicht ganz frei von einer
erwartungsvollen Spannung, die sich während der kurzen Unterredung meiner
bemächtigt hatte. Alt und häßlich war sie nicht, das wußte ich jetzt; ihr
Name war Leïlet, d.h. Nacht, und da der Orientale den Namen gern den
Eigenschaften anpaßt, so sah ich vor meiner lebhaften Einbildungskraft
sofort eine jener mächtig- prächtig-nächtigen Erscheinung stehen, wie sie
sich vorzugsweise gern im Morgenlande entwickeln. Auch die Wohnung war
nicht ganz ungeeignet zu einem Tummelplatz für die Erfindungen der
Phantasie. Vor einigen Monaten hatte ich sie bei der Reise nach dem Süden
im Vorüberfahren liegen sehen und damals gehört, daß sie von einem
verbannten Großen des Reiches erbaut worden sei und nun seit dem Tode
desselben verlassen liege. Wie kam der jetzige Besitzer dazu, den
einsamene Ort zu bewohnen? Hatten auch ihn politische Gründe hergeführt,
oder gab es sonstige Geheimnisse, die er zu verbergen suchte?
Ganz ungesucht traten diese Fragen an mich heran, und wenn ihre
Beantwortung auch kein Interesse für mich haben konnte, so sah ich doch
ebensowenig Veranlassung, sie gewaltsam von mir abzuwehren, und ging dem
Kommenden mit etwas mehr als gewöhnlicher Theilnahme entgegen.
In kurzer Zeit saßen wir bei den Ruderern im Kahne, ich in tiefe,
wunderbare Gedanken versunken, Omar ernst und stolz, wie ein Pascha von
drei Roßschweifen, im Gürtel die silberbeschlagenen Pistolen und den
scharfen, glänzenden Dolch, in der Hand aber die unvermeidliche
Nilpeitsche, das beste Mittel, sich unter der dortigen Bevölkerung Achtung
und Berücksichtigung zu verschaffen. Zwar war die Hitze nicht angenehm,
aber die stromabwärts
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gehende Bewegung unseres Fahrzeuges brachte uns mit einem
kühlenden Luftzuge in Berührung, und bei der kurzen Dauer unserer Fahrt
war dieselbe mehr eine Spaziertour, als eine Anstrengung zu nennen.
Es ging eine Strecke weit an Durrha-, Tabak-, Sesam- und Sennesfeldern
vorüber, aus deren Hintergrunde schlanke Palmen emporragten; dann folgten
unbebaute Flächen, über welche sich ein niederes Gestrüpp von Mimosen und
Sykomoren hinstreckte, endlich nacktes Gestein, und mitten aus den wohl
schon seit Jahrtausenden hier umhergestreuten Felsenblöcken erhob sich die
hohe quadratische Mauer, durch welche wir uns den Eingang suchen mußten.
Als wir anlegten, bemerkte ich, daß ein Kanal aus dem Flusse unter der
Mauer hinführte, jedenfalls um die Bewohner mit dem nöthigen Wasser zu
versehen, ohne daß dieselben sich außerhalb ihrer Wohnung zu bemühen
brauchten. Unser Führer schritt uns voran, führte uns um zwei Ecken zu der
dem Wasser abgekehrten Seite und gab an dem dort befindlichen Thore ein
Zeichen, auf welches uns bald geöffnet wurde.
Das Gesicht eines Schwarzen grinste uns entgegen; doch beachteten wir
seine bis zur Erde herabgehende Reverenz gar nicht und schritten vorwärts.
Architektonische Schönheiten durfte ich von einem orientalischen
Privatgebäude nicht erwarten, und so fühlte ich mich auch gar nicht
überrascht über die kahle, nackte und fensterlose Fronte, welche das Haus
mir zukehrte, aber das Klima des Landes hatte doch einen etwas zu
auffälligen Einfluß auf das alte Gemäuer geäußert, als daß ich es zur
Wohnung, eines jungen, schönen und dabei noch kranken Weibes hätte
empfehlen mögen.
Die Zierpflanzen, welche den schmalen Raum zwischen Mauer und Wohnhaus
früher geschmückt und den Bewohnerinnen eine Erholung geboten hatten,
waren längst verwelkt und verdorrt; wohin das Auge nur blickte, fand es
nichts als leere, kahle Oede, und nur Schaaren von Schwalben, welche in
den zahlreichen Rissen und Sprüngen des borstenden Gebäudes nisteten,
brachten einigermaßen Leben und Bewegung in die traurige, todte Scene.
Durch einen dunkeln, niedrigen Thorgang führte uns der voranschreitenden
Bote in einen kleinen Hof, dessen Mitte ein Bassin einnahm. Also bis
hierher führte der Kanal, welchen ich vorhin bemerkt hatte, und der
Erbauer des einsamen Hauses war klugerweise vor allen Dingen darauf
bedacht gewesen, sich und die Seinigen reichlich mit dem zu versorgen, was
in dem heißen Klima jener Länderstriche das Nothwendigste und
Unentbehrlichste ist. Zugleich bemerkte ich nun auch, daß der ganze Bau
darauf gerichtet war, die jährlich wiederkehrenden Ueberschwemmungen
schadlos aushalten zu können.
In diesen Hof herab gingen mehrere hölzerne Gitterwerke, hinter denen
jedenfalls die zum Aufenthalte dienenden Räume lagen. Ich konnte ihnen
jetzt keine große, zeitraubende Beachtung schenken, sondern gab Omar einen
Wink, mit der Reiseapotheke, welche er umhängen hatte, hier des Weiteren
zu harren und folgte dem Wegweiser in den Divan des Hausherrn.
Es war ein geräumiges, halbdunkles und hohes Zimmer, durch dessen
vergitterte Fensteröffnungen ein wohlthuendes Licht fiel. In Folge der
aufgeklebten Tapeten, Arabesken und Ornamente hatte es einen wohnlichen
Anstrich erhalten, und die in einer Nische stehenden Wasserkühlgefäße
erzeugten eine recht angenehme Temperatur. Ein Geländer trennte den Raum
in zwei Hälften, deren vordere für die Dienerschaft, die hintere aber für
den Herrn und die ihn besuchenden Gäste bestimmt war. Den erhöhten
Hintergrund zierte ein breiter Divan, welcher von einer Ecke bis in die
andere reichte und auf welchem Abrahim-Arha, »der Besitzer von vielen
Beuteln,« mit untergeschlagenen Beinen saß.
Er erhob sich bei meinem Eintreten, blieb aber der Sitte gemäß vor seinem
Sitze stehen. Da ich nicht die gewöhnliche Fußbekleidung trug, so konnte
ich mich ihrer auch nicht entledigen, sondern schritt unbekümmert um meine
Lederstiefel über die kostbaren Teppiche und ließ mich an seiner Seite
nieder. Die Diener brachten den unvermeidlichen Kaffee und die noch
nothwendigeren Pfeifen, und nun konnte das Weitere folgen.
Mein erster Blick war natürlich nach seiner Pfeife gewesen; denn jeder
Kenner des Orientes weiß, daß man an derselben sehr deutlich die
Verhältnisse ihres Besitzers zu erkennen vermag. Das lange, wohlriechende
und mit starkvergoldetem Silberdraht umsponnene Rohr hatte gewiß seine
tausend Piaster gekostet. Theurer aber noch war das Bernsteinmundstück,
welches aus zwei Theilen bestand, zwischen denen ein mit Edelstein
besetzter Ring hervorschimmerte. Der Mann schien wirklich »viel Beutel« zu
besitzen, nur war dies kein Grund, mich befangen zu machen, da mancher
Inhaber einer Pfeife im Werthe von zehntausend Piaster seinen Reichthum
doch nur den geknechteten Unterthanen entwendet oder geraubt hat. Lieber
also einen Blick in das Gesicht!
Wo habe ich doch nur diese Züge schon einmal gesehen, diese schönen,
feinen und in ihrer Mißharmonie doch so diabolischen Züge? Forschend,
scharf, stechend, nein, förmlich bohrend senkt sich der Blick des kleinen,
unbewimperten Auges in den meinen und kehrt dann kalt und wie beruhigt
wieder zurück. Glühende und entnervende Leidenschaften haben dem Gesichte
ihre immer tiefer eindringenden Spuren aufgravirt; die Liebe, der Haß, die
Rache, der Ehrgeiz sind einander behülflich gewesen, eine großangelegte
Natur in den Schmutz des Lasters zu reißen und dem Aeußeren jenes
undefinirbare Etwas aufzudrücken, welches der Reinheit ein sicheres
Warnungszeichen ist. Wo bin ich diesem Manne begegnet? Ich muß mich
besinnen, aber das fühle ich, unter freundlichen Umständen ist es nicht
gewesen.
»Salem aleïkum!« tönte es langsam zwischen dem vollen, prächtigen, aber
schwarzgefärbten Barte hervor. »Möge Allah Balsam wachsen lassen auf den
Spuren Deiner Füße und Honig träufeln von den Spitzen Deiner Finger, damit
mein Herz nicht mehr höre die Stimme seines Kummers!«
»Gott gebe Dir Frieden und lasse mich finden das Gift, welches an dem
Leben Deines Glückes nagt,« erwiederte ich seinen Gruß, da nicht einmal
der Arzt nach dem Weibe eines Muselmannes fragen kann, ohne den größesten
Verstoß gegen die Höflichkeit und Sitte zu begehen.
»Du bist ein weiser Arzt und Deine Hand ist mit Erfolg begabt, als hätte
sie der Prophet gesegnet. Du wirst die Krankheit finden und besiegen.«
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»Der Herr ist allmächtig; er kann retten und verderben; nur
ihm gebührt die Ehre. Doch wenn ich helfen soll, so sprich!«
Diese directe Aufforderung, ein, und wenn auch unbedeutendes Geheimniß
seines Harems preiszugeben, schien ihn unangenehm zu berühren, trotzdem er
darauf vorbereitet sein mußte; doch versuchte er sofort diese Schwäche zu
verbergen und befolgte meine Aufforderung.
»Du bist aus dem Lande der Ungläubigen, wo es keine Schande ist, von Der
zu sprechen, welche die Tochter einer Mutter ist?«
Ich nickte zustimmend, innerlich sehr amüsirt über die Art und Weise, mit
welcher er es umgehen wollte, von seinem Weibe zu sprechen.
»Auch der Gläubige darf ohne Aergerniß von den Frauen in Frankhistan
sprechen. Erlaube, daß ich es thue!«
Ein zweites Neigen des Kopfes war meine Antwort.
»Wenn das Weib eines Franken keine Speise zu sich nimmt – –«
Er sah mich bei diesen Worten an, als ob er eine Bemerkung von mir
erwarte. Ich winkte ihm nur, fortzufahren.
»– Den Glanz ihrer Augen und die Fülle ihrer Wangen verliert – müde ist
und doch den Gruß des Schlafes nicht mehr kennt – nur lehnend steht und
langsam geht – vor Kälte schauert und vor Hitze brennt – nichts wünscht,
nichts haßt und unter dem Schlage ihres Herzens zittert – nicht lacht,
nicht weint, nicht spricht – kein lautes Wort der Klage hören läßt und
ihre Seufzer selbst nicht mehr vernimmt –«
Wieder blickte er mich an und in seinen Augen war deutlich eine Angst zu
erkennen, welche sich von jedem der aufgezählten Krankheitsmerkmale zu
nähren und zu vergrößern schien. Er mußte die Kranke mit der letzten,
trüben Gluth seines fast gänzlich ausgebrannten Herzens lieb haben und
hatte mir, ohne es zu wollen und zu wissen, sein ganzes Verhältniß zu ihr
offenbart. Ich mußte ihm die Strafe sofort zu kosten geben und antwortete
schnell einfallend:
»So wird sie sterben!«
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, so stand er hoch aufgerichtet vor
mir. Der rothe Fez war ihm vom kahlgeschorenen Kopf geglitten, die Pfeife
seiner Hand entfallen; in dem Gesichte zuckte es von den
widerstreitendsten Gefühlen, und das Auge ruhte mit einem Ausdrucke des
Entsetzens auf mir, der sich nach und nach in einen zornigen und zuletzt
in einen drohenden verwandelte.
»Giaur!« donnerte er mich an. »Wagst Du, mir das zu sagen, Hund? Die
Peitsche soll Dir lehren, wer ich bin und daß Du thust, nur was ich Dir
befehle. Stirbt sie, so stirb Du auch; doch machst Du sie gesund, so
darfst Du gehen und kannst verlangen, was Dein Herz begehrt!«
Langsam und in tiefster Seelenruhe erhob auch ich mich, stellte mich in
meiner ganzen Länge gerade vor ihn hin und sprach, auf den am Boden
liegenden Fez deutend:
»Abraham-Arha, was sagt der Prophet dazu, daß Du die Scham Deines
Scheidels vor einem Ungläubigen entblößest?«
Im nächsten Augenblicke hatte er sein Haupt bedeckt und, vor Grimm
dunkelroth im Gesicht, den Dolch aus der Schärpe gerissen. Doch ruhig, wie
zuvor fahr ich fort:
»Ich habe den Bären gejagt und bin dem Nilpferd nachgeschwommen, der
Elephant hat meinen Schuß gehört und meine Kugel hat den Löwen, den
’Heerdenwürgenden’ getroffen. Danke Allah, daß Du noch lebst und bitte
Gott, daß er Dein Herz bezwinge. Du kannst es nicht, Du bist zu schwach
dazu und wirst doch sterben, wenn es nicht sofort geschieht!«
Das war eine neue, eine schwerere Beleidigung, als die andere und mit
einem zuckenden Sprunge wollte er mich fassen, fuhr aber sofort zurück,
denn jetzt blitzte auch in meiner Hand die Waffe, die man in jenen Ländern
niemals von sich legen darf. Wir standen einander allein gegenüber, denn
er hatte sofort nach der Darreichung des Kaffee’s und der Pfeife die
Dienerschaft hinausgewinkt, damit sie nichts von unserer zarten
Unterhaltung vernehmen solle.
Mit meinem tapfern Omar-Arha hatte ich nicht den mindesten Grund, mich vor
den Bewohnern des alten Hauses zu fürchten; nöthigenfalls hätten wir
Beiden die wenigen hier wohnenden Männer zusammengeschossen, aber ich
ahnte zu viel von dem Schicksal der Kranken, für die ich mich ungemein zu
interessieren begann, und zog es deshalb vor, den Weg der Güte zu
betreten.
»Lebe wohl; es sei der Herr mit Dir und Deinem Hause! Du willst es nicht,
daß ich den Tod bezwinge; Dein Wunsch mag sich erfüllen, rabbena chaliek,
der Herr erhalte Dich!«
Noch immer den Revolver in der Hand, machte ich Miene, dem Ausgange
zuzuschreiten.
»Halt, halt, Effendi!« rief er, und jetzt klang aus seiner Stimme mehr
Angst als Wuth. »Du hast die Seele eines Gläubigen beschimpft und darfst
nicht gehen, ohne mir Genugthuung zu geben und meinem Willen Gehorsam zu
erweisen!«
Ich trat zu ihm zurück, sah ihm lächelnd in das zuckende und blitzende
Auge und antwortete so langsam, wie nur immer möglich:
»Merk auf, was ich Dir sage, mein Wort erklingt nie zweimal: Beim heiligen
Leben Isa Ben Marryam, den wir Jesus, Sohn Maria’s nennen – Du hast einen
seiner Gläubigen Giaur geheißen und ihn mit der Peitsche bedroht – bittest
Du mich nicht um Verzeihung, und zwar sogleich, so gehe ich und Leïlet mag
sterben!«
Mit Absicht sprach ich jetzt den Namen aus, welchen mir der Bote genannt
hatte. Bei seinem Klange zuckte es über die erregten Züge des Egypters; es
erwachte die Erkenntniß in ihm, daß er einen falschen Weg eingeschlagen
habe und umkehren müsse, wenn er mich geneigt erhalten wolle. Aber sein
Stolz empörte sich bei dem Gedanken, einem Christen Abbitte zu thun.
Zwang, wie bei einem arabischen Quacksalber, war bei mir nicht möglich,
und ich sah deutlich, daß der Gedanke, aus diesem Labyrinthe nicht
herauszukommen, ihn in neue Wuth versetzte.
Da drehte ich mich um, schritt durch die Oeffnung des Geländers und befand
mich schon der Thür nahe, als es angstvoll hinter mir erscholl:
»Bei dem Barmherzigen, bleib!«
Langsam drehte ich mich um und konnte nun die Züge des Erregten in ihrer
häßlichsten Entstellung sehen. Die Spuren der Leidenschaften sprachen sich
jetzt mit einer so widerwärtigen Deutlichkeit in ihnen aus daß ich
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meinen Sieg fast bereute und ihm mit einer raschen
Handbewegung alle weiteren Worte abschnitt.
»Laß Deine Rede schweigen! Der Christ vergiebt auch ohne laute Sühne; es
ist so gut, als hättest Du gesprochen. – Nun laß uns Deines Herzens Kummer
heilen und zu der Kranken gehen, um sie zu sehen.«
Wie von einem Stoße getroffen, fuhr er zurück.
»Maschallah, bist Du toll? Der Geist der Wüste hat Dein Hirn verbrannt,
daß Du nicht weißt, was Du forderst. Das Weib muß sterben, auf welchem das
Auge eines fremden Mannes ruhte!«
»Sie wird noch sicherer sterben, wenn mein Auge sie nicht sehen darf. Ich
muß den Schlag ihres Pulses messen und Antwort von ihr hören über Vieles,
was ihre Krankheit betrifft. Nur Allah ist allwissend und braucht Niemand
zu fragen.«
Wieder erhob sich ein heftiger Kampf und es dauerte lange, ehe er unter
allerdings sehr beschränkenden Bedingungen auf mein Verlangen einging.
Ich durfte sämmtliche Frauengemächer sehen, da ich sehr absichtlich die
Behauptung ausgesprochen hatte, daß der Grund des Uebels in irgend einem
ungesunden Zustande der Wohnung liegen könne. Natürlich schien ich an eine
rein körperliche Erkrankung zu glauben, obgleich ich schon seit der ersten
Aufzählung der Symptome wußte, daß eine Herzens- und Gemüthskrankheit
vorliege, und ich war sehr geneigt, anzunehmen, daß die Ursache in einem
Zwange zu suchen sei, der die Patientin in die Hände Abrahim- Arha’s
gebracht hatte.
Ferner durfte ich sie gehen sehen und die ersten drei Finger meiner
rechten Hand um ihr Handgelenk legen, um den Puls zu fühlen. Sodann durfte
ich ihr diejenigen Fragen vorlegen, welche ich für ganz und gar
unumgänglich hielt; doch mußte sie mit jeder Antwort warten, bis sie von
ihm die Erlaubniß dazu erhielt.
Ich war sehr zufrieden mit diesen Zugeständnissen; denn sie gewährten mir
mehr, als jemals wohl einem Europäer zugestanden worden ist. Die Liebe des
Egypters und infolge dessen auch seine Sorge mußte wohl eine sehr
ungewöhnliche sein, da er sich zu solchen Opfern verstand. Freilich konnte
ich die ingrimmigste Erbitterung gegen mich aus jeder seiner Mienen lesen,
denn ihm war ich ein leider unabweisbarer Eindringling in die bisher
unentweihten Mysterien seiner inneren Häuslichkeit, und ich hegte die
Ueberzeugung, daß ich ihn auch selbst im Falle einer vollständigen Heilung
als unversöhnlichen Feind zurücklassen würde.
Jetzt war er gegangen, um das Nöthige selbst anzuordnen, denn keiner
seiner Diener durfte ahnen, daß er einem Fremden Eintritt in das
Heiligthum verstatte. -
Endlich kehrte er zurück. Es lag ein Ausdruck fester, trotziger
Entschlossenheit um seinem zusammengekniffenen Mund, und mit einem Blicke
voll versteckt sein sollendem und doch hervorbrechendem Hasses drohte er:
»Bei der Seligkeit aller Himmel, Effendi, sobald Du ein Wort sprichst, was
ich nicht wünsche, oder nur das Geringste mehr thust, als Dir erlaubt ist,
stoße ich sie nieder. Ich schwöre es Dir bei jedem Worte des Korans und
bei allen Kalifen, deren Andenken Allah segnen möge!«
Er hatte mich also doch kennen gelernt und wußte, daß ihm diese
Versicherung mehr nützen würde, als die sanguinischesten Drohungen, wenn
sie gegen mich selbst gerichtet waren. Uebrigens war es mir ja gar nicht
in den Sinn gekommen, ihn in seinen Rechten zu kränken, nur konnte ich
mich bei seinem Verhalten je länger desto weniger einer Ahnung
entschlagen, daß sein Verhältniß mit der Kranken irgend einen dunklen
Punkt habe.
Wir gingen. Er schritt voran und ich folgte.
Zunächst kamen wir durch einige fast in Trümmern liegende Räume, in denen
allerlei nächtliches Gethier sein Wesen treiben mochte; dann betraten wir
ein Gemach, welches als Vorzimmer zu dienen schien, und nun folgte der
Raum, welcher allen Anzeichen nach als eigentlicher Frauendivan benutzt
wurde. All’ die umherliegenden Kleinigkeiten waren solche, wie sie von
Frauen gesucht und gern benutzt werden.
Eine größere Ausdehnung schien der Harem außer einem noch anstoßenden
Raume nicht zu haben, und das unentbehrliche Bad lag jedenfalls unten zur
ebenen Erde.
»Nun siehe, ob Du den Dämon der Krankheit hier findest!« forderte mich
Abrahim mit einem halb spöttischen, halb gläubigen Lächeln auf. »Ich will
sehen, ob die Sonne ihr Angesicht verhüllt hat vor dem Auge des Fremden.
Wage nicht, mir nachzufolgen, bis ich wiederkomme!«
Ich war allein. Wo war sie? War sie da draußen? Ganz gewiß; seine Worte
waren ja deutlich genug. Wer sie doch sehen könnte, Leïlet, die Nacht, die
kranke, todesmatte! Welch’ süßer, lieblicher, sinnbethörender Duft strömte
und fluthete doch hier um mich! Waren das die sterbenden Wohlgerüche der
hier gepflegten und verwelkten Blumen, oder war es der würzige Hauch ihres
reinen, jungfräulichen Mundes, der sich bisher gegen die Küsse des
Verhaßten gewehrt hatte? Es war mir so wunderbar, so märchensüß zu Muthe,
gerade so, als käme eine jener Feen, wie sie in den Märchen leben,
hereingeschwebt, um meine Kühnheit zu erproben, die dann gefeit ist und
Alles vollbringen kann, ohne selbst Schaden zu leiden.
Mit Anstrengung mußte ich mich aus dieser Stimmung herausreißen und ließ
mein Auge durch den Raum schweifen. Ich hatte ja gewußt, daß der Heerd der
Krankheit hier nicht zu suchen sei, und war nur von dem Wunsche hergeführt
worden, einmal das Innere eines Harems zu sehen. Es war hier ganz dieselbe
Einrichtung getroffen, wie im Zimmer des Hausherrn: das Geländer, der
Divan, die Nische mit den Kühlge – doch halt, halt, was ist das?
Auch hier, grad’ so wie dort, befindet sich grad’ über diesen Gefäßen ein
Zuchloch in der Mauer, damit die Abkühlung des Wassers rasch vor sich gehe
und auch den Nebengelassen mit zu Gute komme, und diese Oeffnung, sie
führt –
Mit einigen raschen Schritten bin ich an der Mauer, neige das Auge an die
Oeffnung und – ja, das ist sie, das ist Leïlet, die Nacht, die Nacht des
Südens, wie sie dem Thore des Abendrothes entschweben müßte, wenn ihr der
Schöpfer die Erlaubniß gäbe, in menschlicher Gestalt wieder auf die
traumbedürftige Erde zu steigen! Das ist die Nacht, die himmlische, das
ist Leïlet mit den dunklen, fast an der Erde schleifende, sie wie ein
Schleier umwallenden Locken.
Ende des ersten Teils – Fortsetzung folgt.