Endlich Wohlgschaft Biographie erschienen

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Ralf Harder
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Re: Wohlgschaft, Karl May: Leben und Werk, Band 1

Beitrag von Ralf Harder »

Ben Nemsi hat geschrieben: 29.4.2026, 12:35 Besonders auf die Beziehung zu und die Ehe mit Emma Pollmer geht der Biograph ausführlich ein. Dabei zeichnet er ein Bild von Mays Frau, dass scheinbar satanische Züge annimmt. Er schlägt da in die gleiche Kerbe wie May 1907 in seiner Pollmer-Studie Frau Pollmer, eine psychologische Studie. Warum Karl May Jahrzehnte mit Emma verheiratet blieb, erschließt sich mir aus Wohlgschafts Text nicht. Dass er aber so einseitig Partei für May ergreift, irritiert mich schon. Vielleicht ist es der Abstand der Lebensjahre, der mich jungen Spund diese Beziehungsgeschichte anders auffassen läßt. Mir scheint, dass May zu seiner Frau keine empathische Beziehung aufgebaut hatte. Für eine schlechte Ehe, die in eine Scheidung mündet, sind doch, wie ich meine, letztlich immer beide Ehepartner verantwortlich (das Wort Schuld ist mir in diesem Zusammenhang zu altertümlich).
Vor zwei Jahren hätte Hermann Wohlgschaft noch selbst antworten können. Ich weiß aber, dass er, was die Person ›Emma Pollmer‹ betrifft, die langjährige Auffassung von Hans Wollschläger teilte, die ›Studie‹ sei weitgehend im Kern authentisch. Um dies ausführlich zu belegen, erschien 2001 das ›Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft‹ unter der geschäftsführenden Herausgeberschaft Wollschlägers ausnahmsweise als Monographie:

»Gabriele Wolffs ›Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer‹ sind eine biographische Untersuchung – und zugleich noch weitaus mehr. Es geht um Karl Mays erste Frau Emma, von der er sich nach 22-jähriger Ehe scheiden ließ und über die er ein autobiographisches Buch schrieb: ›Frau Pollmer, eine psychologische Studie‹, eine Schrift, die in seinem Werk einzig dasteht und darin sicherlich auch ein einzigartiges Interesse verdient. An sich ist das Leben Karl Mays und seiner Nächsten ganz erstaunlich dokumentiert: der unglückliche Umstand, daß er schon früh mit Behörden und Gerichten zu tun bekam und beide mit nur kurzer Unterbrechung bis an sein Lebensende beschäftigte, hat sein glückliches Gegenstück darin mit sich gebracht, daß von Händen beider Einrichtungen so viele unermüdlich gefertigte Niederschriften auf die Nachwelt gekommen sind, wie sich ein Biograph nur wünschen kann. Aber wo so viele Stimmen über einen Menschen durcheinander reden, nähert sich die Gefahr, daß man sein eigenes Wort kaum noch richtig verstehen kann, und ›die Wahrheit‹ besteht am Ende aus sehr vielen verschiedenen, durchaus unterschiedlichen Wahrheiten; sie machen ihren Gegenstand, so scheint es, nur noch schwerer erkennbar. Wir wissen viel, auch über die unselige Emma Pollmer-May -: wieviel denn wissen wir? […] Gabriele Wolff, Oberstaatsanwältin im zivilen Beruf, hat der verwirrenden Parteien Gunst und Haß noch einmal zur Vernehmung geladen, und das Ergebnis ist eine Scheidung von Gut und Böse, von Wahr und Unwahr, von Subjektiv und Objektiv, wie sie so genau und bestimmend bisher noch nie gelingen konnte. Das Ergebnis sei hier nicht vorweggenommen. Aber in einem Satz immerhin läßt es sich ankündigen: Das viele Wenige, das zu wissen ist, kann künftig mit weit größerer Sicherheit gewußt werden.«
https://www.karl-may-gesellschaft.de/km ... 2001/7.htm
Ben Nemsi
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Nachdenken über Wohlgschaft, Karl May: Leben und Werk, Band 1

Beitrag von Ben Nemsi »

Ralf Harder hat geschrieben: 30.6.2026, 19:54 Vor zwei Jahren hätte Hermann Wohlgschaft noch selbst antworten können. Ich weiß aber, dass er, was die Person ›Emma Pollmer‹ betrifft, die langjährige Auffassung von Hans Wollschläger teilte, die ›Studie‹ sei weitgehend im Kern authentisch. Um dies ausführlich zu belegen, erschien 2001 das ›Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft‹ unter der geschäftsführenden Herausgeberschaft Wollschlägers ausnahmsweise als Monographie:

»Gabriele Wolffs ›Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer‹ sind eine biographische Untersuchung – und zugleich noch weitaus mehr. Es geht um Karl Mays erste Frau Emma, von der er sich nach 22-jähriger Ehe scheiden ließ und über die er ein autobiographisches Buch schrieb: ›Frau Pollmer, eine psychologische Studie‹, eine Schrift, die in seinem Werk einzig dasteht und darin sicherlich auch ein einzigartiges Interesse verdient. An sich ist das Leben Karl Mays und seiner Nächsten ganz erstaunlich dokumentiert: der unglückliche Umstand, daß er schon früh mit Behörden und Gerichten zu tun bekam und beide mit nur kurzer Unterbrechung bis an sein Lebensende beschäftigte, hat sein glückliches Gegenstück darin mit sich gebracht, daß von Händen beider Einrichtungen so viele unermüdlich gefertigte Niederschriften auf die Nachwelt gekommen sind, wie sich ein Biograph nur wünschen kann. Aber wo so viele Stimmen über einen Menschen durcheinander reden, nähert sich die Gefahr, daß man sein eigenes Wort kaum noch richtig verstehen kann, und ›die Wahrheit‹ besteht am Ende aus sehr vielen verschiedenen, durchaus unterschiedlichen Wahrheiten; sie machen ihren Gegenstand, so scheint es, nur noch schwerer erkennbar. Wir wissen viel, auch über die unselige Emma Pollmer-May -: wieviel denn wissen wir? […] Gabriele Wolff, Oberstaatsanwältin im zivilen Beruf, hat der verwirrenden Parteien Gunst und Haß noch einmal zur Vernehmung geladen, und das Ergebnis ist eine Scheidung von Gut und Böse, von Wahr und Unwahr, von Subjektiv und Objektiv, wie sie so genau und bestimmend bisher noch nie gelingen konnte. Das Ergebnis sei hier nicht vorweggenommen. Aber in einem Satz immerhin läßt es sich ankündigen: Das viele Wenige, das zu wissen ist, kann künftig mit weit größerer Sicherheit gewußt werden.«
https://www.karl-may-gesellschaft.de/km ... 2001/7.htm
Ist das jetzt die Werbepause, lieber Ralf Harder?

Es spielt doch keine Rolle, ob die damalige Frau Emma May ihren Ehemann Karl beschimpft hat, ob sie bei ihren Mädelsabenden Verwünschungen gegen ihn ausstieß, sich wünschte, er wäre nicht mehr der ihre und so weiter, und so fort. Der Gedanke, den ich in den Raum stellte, war, dass bei der Scheidung beide Eheleute dazu beigetragen haben, dass es zu derselben kam. Hermann Wohlgschaft sel. hat das in Band 2 seiner Biographie so angedeutet. Auch wenn er dies dann wieder für May Partei ergreifend relativierte.
Aber da damals im Deutschen Reich bei Scheidungen das Schuldprinzip galt, war Emma May die Schuldige (so hatten das Karl May, Klara Plöhn und ihre Mutter gemeinsam gut hinbekommen), die auch noch die Prozesskosten zu zahlen hatte.

Außerdem möchte ich noch auf folgendes hinweisen:
Es ist doch wohl für einen 35jährigen Mann schon merkwürdig, ein Liebesverhältnis mit einer minderjährigen - 14 Jahre jüngeren - Frau zu beginnen. Und nachdem ihr Großvater, unter dessen Vormundschaft Emma stand, die Einwilligung zur Eheschließung verweigerte, tief gekränkt, sie, Emma, zur Wahl zu stellen: sich für ihren Großvater oder für ihn, Karl May, zu entscheiden. Holla, die Waldfee, das ist doch ein geradezu unreifes und infantiles Verhalten seitens unseres Lieblingsautor. Wie bereits hingewiesen, May war zu diesem Zeitpunkt bereits 35 Jahre alt.
Lesetipp: Fritz Maschke, Karl May und Emma Pollmer. Die Geschichte einer Ehe

Überhaupt stellt sich doch die Frage, warum Karl May einer 14 Jahre jüngeren, bildungsfernen Minderjährigen hinterherstellte und den Hof machte. Warum suchte er nicht eine Frau, die vom Alter und von der Lebenserfahrung eher zu ihm gepasst hätte?
War es sein Verlangen nach Sex, dass er nicht bei Prostituierten stillen wollte? Wohlgschaft hatte Pollmer in seiner 3bändigen Biographie immerhin als attraktiv geschildert.
Oder wollte Karl May, der als Katechet und Armenlehrer tätig gewesen war, eine junge Frau nach seinem Bilde formen?
Für einen "gläubigen Christen", so wird er von Wohlgschaft bejubelt, ist Mays Verhalten jedenfalls unangemessen.

Ich will hier nicht meine Überlegungen zu Band 2 vorwegnehmen. Denn ich habe noch rund 120 Seiten zu lesen. Aber gerne zitiere ich hier Bernd Biege von den Karl May-Freunden Münsterland. Dieser hat sich Gedanken über "Karl May und seine Sexualität" gemacht. Er zitiert dabei aus
"Karl Mays üble[n] Schmähschrift „Frau Pollmer, eine psychologische Studie.“, in der er als Verfasser einen interessanten Hinweis gibt. Angesichts eines möglichen Treffens mit Emma Pollmer wird ex cathedra gesagt:
„Das machte mich neugierig; aber es war die Neugierde des Schriftstellers, nicht des Menschen. Ich war schon fünfunddreißig Jahre alt und hatte nicht die Absicht, mich an eine Frau zu binden. Meine Pläne erforderten viele, weite Studienreisen, die in solchem Umfange nur dann möglich waren, wenn ich ledig blieb.“
[...] Eine Bindung war also für May gleichzusetzen mit einer Behinderung. Dass er sie dann doch einging, man mag es als gesellschaftlichen Zwang interpretieren. Oder als große Liebe. Oder gar als unheimliche Verhexung, wie May selber es darlegte […].
Doch wer sich die Zeit nimmt, einmal die Auslassungen in „Frau Pollmer, eine psychologische Studie.“ zu lesen, kommt schnell zu einem ganz klaren Schluss: W a s K a r l M a y a m m e i s t e n h a s s t e, d a s w a r e i n e g e s u n d e, v i e l l e i c h t s o g a r f o r d e r n d e
w e i b l i c h e S e x u a l i t ä t. Ja, d i e s e s c h i e n i h n g e r a d e z u a n z u e k e l n." (Quelle: https://www.facebook.com/groups/4836995 ... 431380791/; Hervorhebungen von mir)

Emma Pollmers Gründe sich gegen ihren (geliebten) Großvater und für Karl May zu entscheiden, hat die weiter oben von Ralf Harder aufgeführte Gabriele Wolff in ihrem Buch "Ermittlungen in Sachen Frau Pollmer" schlicht und einfach auf den Punkt gebracht:
"Auf der einen Seite die Frau, die mangels attraktiver Lebensentwürfe für Frauen im wilhelminischen Zeitalter eigenen Erfolg nur über den sozialen Aufstieg des Mannes definieren kann und bei einer schuldhaften Scheidung völlig leer ausgeht. Eigenes Geld hat sie nicht, auch keinen Rechtsanspruch darauf. Auf Gedeih und Verderb verbunden mit einem Ehemann, der zunächst finanziell dürftige Zeiten erlebt, bevor für ihn ab 1892, dem Erscheinen der Fehsenfeld-Buchausgaben, goldene Zeiten anbrechen; ein Ehemann, der aber dann von einer Großzügigkeit (insbesondere für andere) ist, daß Emma angst und bange wird.".

Vorwegnehmend zu meinen Gedanken zu Band 2, stellt sich mir die natürlich Frage, warum May, nach seiner Scheidung von Emma, 1903 erneut eine erheblich jüngere Frau freite - die 22 Jahre jüngere Klara Plöhn. Er heiratete eine Frau, die seine Tochter hätte sein können.

Das soll für heute genügen. In Kürze mehr zu Band 2 von mir.
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Ben Nemsi
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Wohlgschaft, Karl May: Leben und Werk, Band 2 - 1. Teil meiner Gedanken hierzu

Beitrag von Ben Nemsi »

Ich stelle meinem Text - sozusagen als frontispiz - ein Zitat von Karl May voran:
Ich habe Korrekturen und Kürzungen nie geduldet. Der Leser soll mich so kennen lernen, wie ich bin, mit allen Fehlern und Schwächen [...] (Quelle: Band 2, S. 796, Ze. 6-8)

Meinen Gedanken zu Band 2 der monumentalen Biografie von Hermann Wohlgschaft sel. beginne ich mit einem Spoileralarm. Wer sich also sein naives Bild des geliebten Abenteuerromanschriftstellers nicht zurechtrücken lassen will, sollte diesen Beitrag eher nicht lesen.

Soviel sei vorneweg gesagt, Karl May zeigt sich in Band 2 als wahrer Pantoffelheld und Mann, der seine Ehefrau Emma wohl nur zur Stillung seiner sexuellen Gelüste heiratete. Ansonsten hat er sie wohl weniger als liebendes Wesen wahrgenommen (dieser Gedanke kann Lesern seines Machwerks Frau Pollmer, eine psychologische Studie, dass er Jahre nach seiner Scheidung schrieb, in den Sinn kommen) denn als Furie und Dämon. Ihre bisexuellen Neigungen hat er nicht verstanden und vollständig abgelehnt Offenbar wollte er sich aber auch in keinster Weise damit und mit Emma auseinandersetzen. Ob ein ca. sechzigjähriger katholischer Pfarrer die geeignete Person gewesen ist, um auf das Sexualleben Mays bzw seiner ersten Ehefrau einzugehen, bezweifle ich nach der Lektüre des 2. Bands

Doch jetzt heißt es, auf gehts. Auf rund 730 Seiten führt der Biograf in Band 2 seine Arbeit fort und umfasst die Jahre 1891 bis 1904 - grob gesagt also von Beginn der Zusammenarbeit mit Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld bis zur Scheidung von seiner ersten Frau, Emma.

Ausführlich geht der Karl May-Biograf auf die Trilogie Satan und Ischariot ein. Er erläutert die Stärken und Schwächen, dieses wohl seltsamsten Reiseromans. Die Frage, die er sich und seinen Lesern dabei jedoch nicht stellt, lautet "Wie antisemitisch war Karl May?". Denn die Schurkin in diesem ungewöhnlichen Roman heißt Judith Silberstein. Wie bereits leicht an dem Namen erkennbar ist, hat Karl May Judith als Jüdin gezeichnet und diese als „eine der bösesten, intrigantesten und durchtriebensten Frauen, die Karl May je geschrieben hat“ (so Kalkberg-GmbH-Chefin Ute Thienel; Quelle: Lüneburger Nachrichten ln-online.de, 3. April 2018) dargestellt. Und das Karl-May-wiki.de schreibt über Silberstein: "Die Dame ist durchtrieben bis in den Grund".
Erstaunlich für mich ist, dass sowohl das Karl-May-Wiki den jüdischen Hintergrund von Silberstein verschweigt, als auch Biograf Wohlgschaft Mays antisemitische Grundstimmung übergeht und sich nicht damit auseinandersetzen will.

Nach dem Werden der Winnetou-Trilogie beschäftigt sich Wohlgschaft mit der Old Surehand-Trilogie.
Auf S. 835, Ze. 21-25, schreibt Wohlgschaft "Die Titelfigur jedenfalls geriet ihm nicht, wie Winnetou, zur Verköperung des Rassenideals, sondern viel eher zur Ahasver-Gestalt, zum Prototyp des >unbehausten<, ziellos umherschweifenden, mit sich selbst nicht im Einklang lebenden Menschen."
Zwei Punkte stoßen mir bei diesem Text auf: Zum einen das Wort Rassenideal, zum anderen die Gleichsetzung Surehands mit der Ahasver-Gestalt. Dass 2005, im Erscheinungsjahr dieser Karl May-Biografie, noch von Rasse im Zusammenhang mit Menschen geschrieben wird, ist nicht nur ärgerlich - es ist auch schlicht falsch! Es gibt keine menschlichen "Rassen"!
Und was die Gleichsetzung von Surehand mit der Ahasver-Gestalt betrifft, frage ich mich, ob dies daran lag, dass der Biograf katholischer Priester war und deshalb einen solch hanebüchenen Unsinn geschrieben hat: Surehand ist Christ, Ashasver ist eine von Christen geschaffene antisemitische Legendengestalt aus dem frühen 17. Jahrhundert, ein Schuster aus Jerusalem, der Jesus auf seinem Leidensweg nach Golgatha von seiner Tür gewiesen hatte und dafür verflucht wurde, bis zu Jesus´ Wiederkehr ruhelos auf der Welt umherzuwandern. Auch ärgerlich ist, dass der Biograf die antisemitischen Hintergründe der Ahasver-Legende verschwieg, damit seine Interpretation der Ahasver-Gestalt in sein christliches Weltbild passt und somit etwas nicht miteinander zu vergleichendes in seine Rezeption der Surehand-Figur ausgesprochen werden kann.

Merkwürdig ist für mich der Hinweis des Autors, dass "Old Shatterhand [...] zu Old Wabble in der Vollmacht Jesu Christi" spricht. Wer hat Karl May diese Vollmacht verliehen (Band 2, S. 845, Ze. 7-8)?

Kapitel 9 Mays Privatleben (s. 914 uff) stelle ich zurück und werde meine Gedanken hierzu weiter unten schildern.
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Roger Schenk
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Re: Endlich Wohlgschaft Biographie erschienen

Beitrag von Roger Schenk »

Geehrter Herr "Ben Nemsi", der Sie Karl May einen Antisemiten nennen und Euch dennoch von Mays alter ego Ben Nemsi als Spitznamen bedienen (warum wohl?), haben Sie vielleicht darüber nachgedacht, dass Karl ein Kind des 19. Jahrhunderts war, in dem ganz anders über Juden (und andere Völker) gedacht wurde als heute?
Ja, er gibt Judith zwar einen deutlich jüdischen Familienamen, betont aber nirgendwo eine Verbindung zwischen ihrem Charakter und ihrem Judentum. Seine - aus heutiger Sicht antisemitisch einzustufende - Zeitgenossen werden sich eine solche Verbindung dabei sicher gedacht haben -, aber May hat diese Verbindung mit oder ohne Absicht verschwiegen. Wegen des dunkelen Kapitels in der deutschen (oder sagen wir lieber: Europäischen) Geschichte denkt man - vor allem in Deutschland - seit 1945 ganz anders; man scheut sich sogar Israels Benehmen im Gazastreifen Völkermord zu nennen, aus Angst "antisemitisch" genannt zu werden. Man muss dazu auch beachten, dass 1871 etwa 1 % der Bevölkerung der Kaiserreiches Juden waren und daher ist es gar nicht so wunderlich, dass es bei zig Auswanderern aus Deutschland etwa eine oder zwei Familien Juden waren. Aus heutiger Sicht kann man dazu nur sagen: Es ist ganz gut und modern, dass Karl May die Verbindung Jude - Charakter nicht betont. Hätte er Satan und Ischariot nach 1945 geschrieben, hätte er wahrscheinlich einen anderen Familienamen gewählt, um nicht des Antisemitismus beschuldigt zu werden. Das wird er von Ihnen (und anderen?) aber dennoch, obwohl wir alle wissen, dass er in seinen Werken abwechselnd von guten und schlechten Juden schreibt. Wie es sie in Wirklichkeit auch gab und gibt, genau wie es gute und schlechte Indianer, Araber, Türken, Chinesen, Franzosen, Niederländer und Deutsche gibt, auch bei Karl May. Das einzige Volk, dass er ausnahmslos als durchtrieben und schlecht beschreibt, sind Armenier. Den Grund dafür wissen wir bis heute nicht.

Wenn es ferner keine Rassen geben würde, könnte ja auch keine Sprache sein von Rassismus, oder? Aber das ist natürlich ein billiges Wortspielchen. Wenn Sie der Meinung sind, dass es keine Menschenrassen geben würde, könnten Sie Ihre Energie lieber dafür einsetzen, dass man die deutsche Verfassung ändert, denn Artikel 3 des Grundgesetzes besagt derzeit:
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Ben Nemsi
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Beitrag von Ben Nemsi »

Roger Schenk,

Sie nehmen wohl bezug auf folgende Textstelle von mir:
"Die Frage, die er sich und seinen Lesern dabei jedoch nicht stellt, lautet "Wie antisemitisch war Karl May?". Denn die Schurkin in diesem ungewöhnlichen Roman heißt Judith Silberstein. Wie bereits leicht an dem Namen erkennbar ist, hat Karl May Judith als Jüdin gezeichnet und diese als „eine der bösesten, intrigantesten und durchtriebensten Frauen, die Karl May je geschrieben hat“ (so Kalkberg-GmbH-Chefin Ute Thienel; Quelle: Lüneburger Nachrichten ln-online.de, 3. April 2018) dargestellt. Und das Karl-May-wiki.de schreibt über Silberstein: "Die Dame ist durchtrieben bis in den Grund".
Erstaunlich für mich ist, dass sowohl das Karl-May-Wiki den jüdischen Hintergrund von Silberstein verschweigt, als auch Biograf Wohlgschaft Mays antisemitische Grundstimmung übergeht und sich nicht damit auseinandersetzen will."
Ich habe Karl May also nicht einen Antisemiten genannt.

Allerdings darf und muss es verwundern, dass es keine Auseinandersetzung damit gibt. Im Jahr 2026 zu schreiben, "dass Karl ein Kind des 19. Jahrhunderts war, in dem ganz anders über Juden [...] gedacht wurde..." ist Unfug. Denn Unrecht ist Unrecht und bleibt Unrecht, auch wenn es zu einem früheren Zeitpunkt geschehen ist. Aber wenn Sie sich ihren naiven Glauben an Karl May bewahren möchten, dann soll es so sein.

Ich schreibe über Karl May. Sie möchten aber offenbar über einen nur in Ihrem Kopf stattfindenden Völkermord der Israelis im Gazastreifen diskutieren. Dazu ist das Karl May-Forum aber nicht der richtige Ort.
Nur soviel möchte ich dazu schreiben: Es hat keinen Völkermord der Israelis im Gazastreifen gegeben und es findet auch kein Völkermord im Gazastreifen durch die Israelis statt.
ABER am 7. Oktober 2023 wurden mehr als 1.200 Israelis und Menschen anderer Nationen von palästinensischen Terroristen massakriert: Männer, Frauen, Kinder, Alte, Junge - sie wurden vergewaltigt und ermordet, und nicht wenige wurden bei lebendigen Leibe verbrannt.
Mittlerweile ist der Begriff "Völkermord" ein Code für Antisemitismus. Und es ist schon interessant, wenn Sie bei einer Diskussion über Karl May mit diesem antisemitischen Code daherkommen.

Das Thema "Rassismus" habe ich lediglich wegen einem Zitat in der obigen Biografie (nämlich Rassenideal) aufgegriffen und klargestellt, "[d]ass 2005, im Erscheinungsjahr dieser Karl May-Biografie, noch von Rasse im Zusammenhang mit Menschen geschrieben wird, [...] ist nicht nur ärgerlich - es ist auch schlicht falsch! Es gibt keine menschlichen "Rassen"!.
Ich lasse mich von Ihnen nicht in eine "völkische" Diskussion über Rasse / Rassismus hineinziehen.
Und bezüglich des GG nur soviel zu dem "Rasse"-Begriff. Der Begriff erschließt sich recht einfach aus dem Zeitpunkt der Erarbeitung und Verabschiedung des GG.
Und zu Ihrer freundlichen Aufforderung an mich, die deutsche Verfassung zu ändern. Ja, das ist möglich. Allerdings benötigen GG-Änderungen "eine breite Zustimmung im Bundestag und im Bundesrat: Ein Gesetzentwurf zur Änderung des Grundgesetzes, der den Vorschlag darlegen und begründen muss, bedarf in beiden Staatsorganen einer Zustimmung von mindestens zwei Dritteln der jeweiligen Mitglieder."
(Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung / https://www.bpb.de/themen/menschenrecht ... rt-werden/)
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Re: Endlich Wohlgschaft Biographie erschienen

Beitrag von Redaktion »

Sehr geehrter Herr ???

ich mag überhaupt nicht, dass die Betreffzeilen in diesem Forum geändert werden. Das Gesprächsthema lautet hier: ›Endlich Wohlgschaft Biographie erschienen‹ und nicht ›Echt jetzt!‹.

Sie fragen: »Wie antisemitisch war Karl May?« und nicht: ›War Karl May antisemitisch?‹. Wenn sie darüber hinaus äußern, dass »der Biograf Wohlgschaft Mays antisemitische Grundstimmung übergeht«, so rücken sie damit Karl May automatisch in die antisemitische Ecke. Insofern hat Roger Schenk hier nichts Falsches geschrieben, schon gar nicht strebt er hier eine ›völkische Diskussion‹ an! Bitte sehen Sie künftig von derartigen Anwürfen ab.

Sie kritisieren Hermann Wohlgschaft, dass er eine »antisemitische Grundstimmung« übergeht, auch werfen Sie ihm vor, dass er noch 2005 »Rasse im Zusammenhang mit Menschen« nennt. Da ›Rasse‹ nach wie vor im Grundgesetz steht, worauf Roger Schenk treffend hinweist, sollte man dementsprechend die Kirche im Dorf lassen. Ich habe Hermann Wohlgschaft sehr gut gekannt. Bemerkenswert war für mich seine große Toleranz, seine humanistische Einstellung. Er war kein sturer Katholik, sondern überaus weltoffen. Er war nicht nur einfach dahin gesagt ein »katholischer Priester«. Hier ein Auszug aus seiner Vita:

1963 Abitur am Humanistischen Gymnasium St. Anna in Augsburg
1963/64 Wehrdienst bei der Bundeswehr in Amberg/Obpf. und in Landshut
1965 bis 1970 Studium der Philosophie und Theologie in München
1970 bis 1973 wiss. Mitarbeiter an der Katholischen Akademie Augsburg
1970 bis 1974 Promotion bei Prof. Dr. Heinrich Fries am Ökumenischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München
Seit 1974 Priester der Diözese Augsburg
1974 bis 1977 Stadtkaplan in Augsburg
1977 bis 1983 Domvikar und Studentenpfarrer in Augsburg
1983 bis 1993 Stadtpfarrer in Kempten
1993/94 Pfarrer in Kirchdorf
1994 bis 2002 Stadtpfarrer in Landsberg a. L.
2002 bis 2016 Leiter der katholischen Klinikseelsorge in Günzburg
2003 bis 2007 Zusatzausbildung am Institut für Logotherapie und Existenzanalyse in Tübingen und Stuttgart

Vielleicht sollten Sie, der sich ›Ben Nemsi‹ nennt, ein wenig mehr Respekt für Verstorbene entgegenbringen? Wenn Hermann Wohlgschaft den Begriff ›Rasse‹ verwendet, so hat dies keinesfalls mit einer Gutheißung von Rassismus zu tun; auch lag es ihm fern, ›antisemitische Hintergründe‹ zu verharmlosen. An seiner Karl-May-Biographie haben namhafte Experten mitgearbeitet, z. B. Dr. Eckehard Koch, Dr. Martin Lowsky und Professor Claus Roxin. Wichtige Hinweise und Anregungen kamen u. a. von Ekkehard Bartsch und Hans Wollschläger. – Hermann Wohlgschaft hat somit sorgfältig gearbeitet und sich von Fachleuten beraten lassen.

Ich habe selbst vor ca. 2 Jahren Mays Roman ›Satan und Ischariot‹ in der Hausschatz-Fassung inklusive des dazugehörigen Kapitels ›In der Heimath‹ gelesen. Von einer »antisemitischen Grundstimmung« habe ich nichts bemerkt. Karl May war kein Antisemit. Solche Bezeichnungen erweisen sich als unangemessen für eine Person, die sich einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zum Pazifismus bekannt hat.

Ralf Harder
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