Am 13. Mai schreibt Klara, dass die Bäder eine wunderbare Wirkung hätten, doch am 24. Mai diktiert May ihr einen Brief, in dem er ihr erzählt, dass er sich im stärksten Radiumbad der Welt befinde und aufgrund der starken Strahlung nicht einmal eine Feder halten könne. Das klingt nicht sehr gesund und/oder beruhigend, aber hey, das neue Jahrhundert hatte gerade erst begonnen und alles, was »neu« war, war per Definition gut! Abgesehen davon muss es in der Kurstadt ein großer Spaß gewesen sein, wie die vielen Ausflüge, aber auch die genannten Spaziergänge rund um Sankt Joachimsthal beweisen.
Am 25. Juni 2012 veröffentlichte der Karl-May-Verlag auf seiner Website das Fundstück Nummer 048: ein Foto von Karl May und den beiden Hunden auf den Stufen des Schlosses in Klösterle an der Eger, das heute Klášterec nad Ohří heißt. Und genau diesen Ort erwähnt Klara in ihrem Tagebuch nicht. Auch die ansonsten vollständige Karl-May-Chronik (Teil 5) von Dieter Sudhoff und Hans-Dieter Steinmetz, die diese Zeit im Wesentlichen auf jenem Tagebuch basiert, erwähnt den Ortsnamen nicht. Das Fundstück Nummer 048 geriet in Vergessenheit, bis ein gewisser Panacek Rybar am 19. April 2025 in der Facebook-Gruppe Böhmisches Erzgebirge ein Foto des von ihm selbst kolorierten Fundstücks mit ausführlicher Beschreibung postete.
Klara May erwähnt jedenfalls Kupferberg, das heutige Měděnec, das etwa 6 km nordwestlich von Klášterec nad Ohří liegt, so dass es nicht nur plausibel ist, dass das Paar auch dieses Klášterec (das sie als Klösterle kannten) besuchte, aber es ist seit der Veröffentlichung des Fundstücks Nummer 048 aus dem reichen Archiv des Bamberger Verlags sogar eine gesicherte Tatsache.
Karl wollte Fürst Franz Anton von Thun-Hohenstein besuchen; ein Name, den wir jetzt auch zum ersten Mal hören. Thun ist seit seiner Namensgebung der größte tschechische Porzellanhersteller. Klara May schreibt, dass Karl und sie am 12. Mai Schlackenwerth mit dem Schlosspark besuchten. Heute beherbergt das oberste Stockwerk des ›Weißen Schlosses‹ in diesem Park eine Dauerausstellung (hauptsächlich) tschechischen Porzellans. Es ist durchaus möglich, dass das Radebeuler Paar bei dieser Gelegenheit den Fürsten von Thun-Hohenstein kennenlernte und dieser sie einlud: Ob 1911 auch in Schlackenwerth (Ostrov) Porzellan ausgestellt wurde, ist nicht bekannt, aber die Verbindung zwischen den Schlossbesitzern und den verschiedenen Porzellanfirmen der Gegend war schon damals stark.
Jedenfalls besuchten Karl
und Klara wahrscheinlich im Juni 1911, als Karls ungesunde Kur endete,
Klášterec, wo sie sofort von der malerischen Landschaft und den
gastfreundlichen Einheimischen beeindruckt waren. Ob der Prinz zu Hause
war oder nicht, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Dass er aber nicht
anwesend war, ist plausibel, denn sonst hätte Klara Seine Durchlaucht
bestimmt in ihrem Tagebuch erwähnt. Wie dem auch sei, Karl schien das
alles nichts auszumachen, denn er konnte nicht aufhören, den Schlosspark
anzuschauen und den Duft der Blumen, der in der Luft hing, einzuatmen.
Dass der Ausflug erst im Juni stattfand, lässt sich auch daran erkennen,
dass Karl wieder zur Feder greifen konnte, denn er stand auf der Terrasse
des Schlosses neben einer riesigen Eiche und schrieb wie vor seiner Kur
einige verstreute Gedanken in sein Notizbuch. Zudem steht die Eiche in
voller Blüte, wie man auf dem Bild erkennen kann.
Da sind wir wieder beim Bild, also Fundstück 048 auf der Webseite des
Karl-May-Verlags. – Bild? Sagen wir lieber: Bilder, denn es gibt zwei
Varianten, beide als Glasnegative in der Deutschen Fotothek (https://www.deutschefotothek.de/) erhalten.


Foto 1 ist offenbar auch als Postkarte gedruckt worden, wie Fundstück 048
beweist; auch die Hinterseite ist abgedruckt. Klara May hat darauf
geschrieben: »Klösterli [sic!], K. May mit seinen Hunden auf
der Schlosstreppe des Fürsten Pless [sic!]«.

Klara May fotografierte nicht nur gern, sondern lobte auch gern ihren
zweiten Ehemann oder sagen wir lieber: Sie vergötterte ihn. Die Erwähnung
des Besuchs bei einem Prinzen galt als statussteigernd und darum hätte sie
es sicherlich auch erwähnt – nicht nur auf der Rückseite einer
Ansichtskarte, aber vor allem in ihrem Tagebuch. Dabei hat sie sich in dem
Namen geirrt: Inhaber des Schlosses war Fürst Thun (vollständig: Fürst
Franz Anton von Thun-Hohenstein), wie ich bereits schrieb.
Fürst Pless (vollständig: Hans Heinrich XI., Graf von Hochberg, Fürst von Pleß, Freiherr von Fürstenstein (* 10. September 1833, † 14. August 1907) hingegen war freier Standesherr, Montanindustrieller und General der Kavallerie der Preußischen Armee; ab 1905 war er auch Herzog von Pleß. Er war Besitzer des Schlosses Fürstenstein bei Waldenburg (nicht in Sachsen und schon gar nicht in Böhmen, sondern in Schlesien; heute heißt das Schloss polnisch Zamek Książ, während die Stadt Waldenburg von den Polen Wałbrzych genannt wird). Karl May war vom 22. Mai bis zum 3. Juli 1907 in Begleitung Klaras auf Kur in Salzbrunn (ab 1935 Bad Salzbrunn, seit 1945 Szczawno Zdrój); genau wie bei der Kur in St. Joachimsthal 1911 fing das Ehepaar an Ausflüge in der Umgebung zu machen, sobald es Karl ein bisschen besser ging. Ein Besuch an das Schloss Fürstenstein ist nicht belegt, aber es gibt eine Reihe von Bildern, die einen Besuch am alten Schloss Fürstenstein beweisen. Das alles lag in Jahre 1911 bereits Jahre zurück, und angesichts all der Turbulenzen dieser Zeit ist es nicht verwunderlich, dass Klara ein paar Namen verwechselte.
Die beiden Fotos in
Klösterle sind also in den ersten Juniwochen 1907 entstanden; alle Tage
sind da möglich, außer dem Montag, dem 12., weil Klara und ihre Zofe an
diesem Tag nach Radebeul fuhren, um sich und Karl frische Kleidung zu
holen, denn sie wollten noch einige Wochen im ›Hotel Penegal‹ am
Mendelpass bei Bozen übernachten, damit Karl May sich nach der Kur
»erholen« konnte. Gleich am ersten Tag den Gipfel des Penegal zu
besteigen, ist nicht das, was wir uns heute unter »Kraft gewinnen«
vorstellen, aber das ist eine andere Geschichte.

